Mexiko ist zu gefährlich für uns als Familie. Davon war ich noch vor ein paar Monaten überzeugt. Trotzdem hat uns der Traum, dieses Land zu bereisen, nie losgelassen. Da es von Ecuador nach Mexiko nicht allzu weit ist, wurde das Thema bald wieder aktuell. Obwohl Mexiko wegen Drogenproblemen, Morden oder Entführungen oft negativ in den Schlagzeilen ist, heisst das ja nicht, dass das ganze Land so schlimm ist. Wir haben uns deshalb gut über die schönsten und sichersten Regionen informiert – und sind schlussendlich bei Oaxaca und Yucatán hängen geblieben.
Yucatán und Oaxaca
Die Halbinsel Yucatán ist weltbekannt: für karibische Strände, türkisblaues Meer, Maya-Pyramiden und Cenoten (dazu später mehr). Über die Region Oaxaca rund um die gleichnamige Stadt wussten wir hingegen praktisch nichts. Obwohl sie als eine der schönsten Gegenden Mexikos gilt, fanden wir erstaunlich wenige Informationen.
Coco, unser ständiger Begleiter
Sehr schnell wurde uns klar, dass in Oaxaca und Umgebung der Tod beziehungsweise der Tag der Toten überall präsent ist. (Siehe Artikel 49.) Das hat uns auch dazu veranlasst, mit den Kindern den Disney-Film Coco zu schauen. Und dieser Film wurde tatsächlich zu unserem ständigen Begleiter während unseres Mexiko-Abenteuers. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir ihn gesehen beziehungsweise den Soundtrack auf unseren langen Autofahrten gehört haben.
Oaxaca ist vor allem bei Surfern für seine langen Strände mit den hohen Wellen bekannt. Diese waren tatsächlich wunderschön und eindrücklich. Praktisch unbekannt ist hingegen das Hinterland rund um die Stadt Oaxaca. Dort befinden sich riesige Pinienwälder, einsame Dörfer – und sonst fast nichts. Genau das hat uns gereizt.


die Begegnung mit dem Tod und der „eingefrorene Wasserfall“ bei Oaxaca
Wie am Ende der Welt
Über einsame Waldstrassen – und ich meine wirklich einsame Waldstrassen: nicht geteert, voller Schlaglöcher und kilometerweit ohne einem einzigen anderen Fahrzeug zu begegnen – erreichten wir das Dorf, das wir besuchen wollten. Es lag malerisch zwischen riesigen Pinienwäldern und sanften Hügeln. Und sonst gab es – nichts. Natürlich haben wir keinen McDonald’s oder eine Shoppingmall erwartet. Aber es gab auch keine Wanderwege und oder sonstige andere Aktivitäten.
Die Leute waren – wie überall in Mexiko – unglaublich freundlich. Aber sie lebten in ihrer eigenen kleinen Welt. Als unsere Jungs wie üblich auf dem Kirchenplatz mit den Dorfkindern Fussball spielten, kam ich mit einem Vater ins Gespräch. Ich erzählte ihm, dass wir aus Ecuador kommen. Seine Antwort: «Ecuador? Wo ist das? Welche Sprache spricht man dort? Habt ihr auch Hunde und Katzen?» Als ich ihn fragte, wovon die Menschen hier oben leben, antwortete er ganz selbstverständlich: «Brot backen.» Erst auf mein Nachfragen erwähnte er, dass es auch Schreiner oder Maurer gebe. Es war definitiv eine ganz eigene Welt.

Cuajimoloyas (3000 müM) in der Sierra Norte de Oaxaca. Oder: am A…nderen Ende der Welt 😉
Yucatán: zurück in der Welt
Näher am Weltgeschehen waren wir hingegen in Yucatán. Viele Amerikaner verbringen dort ihre Ferien an den traumhaften Stränden. Aber Vorsicht: Die Strände sind nicht das ganze Jahr über traumhaft. In den Sommermonaten werden das türkisfarbene Meer und der weisse Sand vielerorts von endlosen Schichten brauner, übel riechender Algen überzogen. Entsprechend sind die Strände oft menschenleer – dafür voller Algen.


Zargasso (Algen): Hier geht niemand freiwillig baden. In den traumhafte Lagunen hingegen schon.
Zum Glück gibt es wunderschöne Lagunen und Seen, in denen man trotzdem baden kann. Oder die unzähligen Cenoten (Karstlöcher). Angeblich soll es rund 6000 davon auf der Halbinsel Yucatán geben. Es gibt offene Cenoten und Höhlencenoten mit kristallklarem, angenehm kühlem Wasser. Zwei Dinge haben sie alle gemeinsam: Sie sind herrlich erfrischend – und wunderschön.
Ob in Cenoten, Lagunen oder im Meer: In Mexiko muss man sich jeweils zuerst vergewissern, dass sich dort wirklich keine Krokodile aufhalten. Das war für uns eine ganz neue Erfahrung.



Mayas: schön und interessant, aber…
Beeindruckend waren auch die Maya-Stätten, von denen wir insgesamt drei besucht haben. Darunter befand sich auch Chichén Itzá, die wohl bekannteste Maya-Stätte überhaupt. Zusammengefasst würde ich sagen: schön anzusehen – und mehr nicht. Ausser natürlich, man interessiert sich vertieft für die faszinierende Geschichte und Kultur der Maya. Mit Kindern jedoch bei glühender Hitze stundenlang zwischen den Steinen umherzulaufen, während diese lieber «etwas Cooles» machen würden, machte nicht unbedingt allen gleich viel Spass.

Chichén Itzá: gehört zu einem Yucatán Besuch dazu
Angstschweiß beim Anblick von Polizisten
Bevor wir nach Mexiko reisten, hatte ich mich intensiv mit dem Land beschäftigt. Immer wieder las ich Berichte über korrupte Verkehrspolizisten, die mit fragwürdigen Methoden ahnungslose Touristen abzocken sollen. Der Klassiker: «Sie sind zu schnell gefahren. Bezahlen Sie jetzt 100 Dollar, dann dürfen Sie weiterfahren. Sonst müssen Sie mit aufs Revier, und es wird noch teurer.» Anfangs zuckte ich bei jedem Polizeikontrollpunkt zusammen, den wir mit unserem Mietwagen passierten. Irgendwann gewöhnt man sich jedoch an die enorme Polizeipräsenz. Angehalten wurden wir kein einziges Mal – entsprechend hatten wir auch keinerlei Probleme.
Wo bleibt die abwechslungsreiche mexikanische Küche?
Mehr Probleme bereitete uns ausgerechnet das Essen. Wir hatten uns so auf die mexikanische Küche gefreut. Umso überraschter waren wir, dass sie uns – zumindest während unserer Reise und für unseren persönlichen Geschmack – erstaunlich eintönig vorkam. Maistortillas in allen Variationen, dazu viel Chili, Salz und Limette. Fertig. (Auf die gerösteten Heuschrecken, die man an jeder Ecke kaufen kann – selbstverständlich mit viel Chili, Salz und Limette – haben wir gänzlich verzichtet.) Dafür ist Mexiko kulturell mit seiner Musik und Kunst umso spannender. In diesem Bereich – und auch mit der Herzlichkeit seiner Menschen – kann Mexiko definitiv mit Ecuador mithalten. (Ich behaupte, in keinem anderen Land der Welt ist es so einfach, Menschen kennenzulernen und Freunde zu finden.)
Zurück zur grossen Liebe
Kurz zusammengefasst: Mexiko war schön, spannend und eindrücklich. Nicht zuletzt wegen seiner atemberaubenden Flora und Fauna (Waschbären, Rochen, Delfine, Flamingos, Taranteln… um nur einige zu nennen, die wir gesehen haben), seiner faszinierenden Kultur und seiner jahrtausendealten Geschichte, die wir kennenlernen durften.



Schildkörte bei einer Cenote, eine harmlose Tarantula vor dem Hauseingang, Flamingos in einer Lagune
Doch mein Herz gehört Ecuador. Und wie das bei Verliebten eben ist, freue ich mich am meisten darauf, möglichst bald wieder meine zweite Heimat zu sehen.
Silvan Meier, 10. August 2026






