Eigentlich wollte ich in Mexiko eine Blogpause einlegen: Ferien, Familie, Faulenzen. Doch schon nach wenigen Tagen juckte es mich wieder in den Fingern, und ich musste einfach zur Tastatur greifen.

Auslöser war niemand anderes als der Tod höchstpersönlich.

Zwar habe ich ihn – zum Glück – noch nicht getroffen. Doch in Oaxaca ist er beinahe so präsent wie der Mezcal, der berühmte Agavenschnaps der Region. Man begegnet ihm buchstäblich an jeder Straßenecke: als Skelett, Totenkopf oder kunstvoll bemalte Gestalt – meistens farbenfroh, verspielt und erstaunlich lebensfroh.

Die Rückkehr der Verstorbenen

Der Grund dafür ist der Día de Muertos, der Tag der Toten, der in Oaxaca besonders intensiv gefeiert wird. Die wichtigsten Tage sind der 1. und 2. November. Im Zentrum steht die Vorstellung, dass verstorbene Angehörige für kurze Zeit in die Welt der Lebenden zurückkehren. Diese Tradition hat ihren Ursprung im Glauben von indigenen Völkern und hat sich im Laufe der Zeit mit katholischen Traditionen vermischt.

Auch in anderen christlichen Ländern wird Anfang November auf verschiedene Weise der Verstorbenen gedacht. Das bekannteste Beispiel ist Halloween. In der Schweiz besuchen viele Menschen an Allerheiligen am 1. November einen Gottesdienst oder die Gräber ihrer Angehörigen.

In Ecuador wird am 2. November der Día de los Difuntos begangen. Dazu trinkt man Colada Morada, ein dickflüssiges, dunkelviolettes Getränk aus Früchten, Gewürzen und violettem Maismehl. Gegessen werden dazu Guaguas de Pan, verzierte Brote in Form kleiner Menschenfiguren – vergleichbar mit einem Schweizer Grittibänz.

Doch in Mexiko, und ganz besonders in Oaxaca, besitzt das Totengedenken eine eigene Intensität. Wer den Disney-Film Coco gesehen hat, erhält zumindest eine ungefähre Vorstellung davon.

Ein Altar für die Heimkehrenden

In vielen Häusern werden bereits vor dem 1. November kleine Altäre aufgebaut. Darauf stehen Fotografien der Verstorbenen, persönliche Erinnerungsstücke sowie Speisen und Getränke, die sie zu Lebzeiten besonders mochten. Oft gehört noch ein Glas Mezcal dazu. Auch Kerzen dürfen nicht fehlen. Ihr Licht soll den Seelen Orientierung geben und ihnen den Weg nach Hause erhellen.

Besonders auffällig sind die leuchtend orangefarbenen Blüten der Cempasúchil-Blume. Aus ihren Blütenblättern werden häufig Wege vom Eingang des Hauses bis zum Altar gelegt. Nach traditioneller Vorstellung helfen ihre kräftige Farbe und ihr intensiver Duft den Seelen dabei, den Weg zu ihrer Familie zu finden.

Denn in diesen Nächten, so der Glaube vieler Familien, besuchen die Verstorbenen ihre Angehörigen. Für kurze Zeit kehren sie zurück. Und diese Rückkehr wird gefeiert.

Eine Nacht auf dem Friedhof

Viele Familien treffen sich zu Hause, andere verbringen einen Teil der Nacht auf dem Friedhof. Dort werden Gräber gereinigt und mit Kerzen, Blumen und persönlichen Gegenständen geschmückt. Man sitzt zusammen, erinnert sich, betet, redet, isst oder hört Musik. Je nach Gemeinde und Familie kann die Atmosphäre still und andächtig oder lebhaft und festlich sein. In Oaxaca gibt es zudem verschiedene Paraden, Feste und natürlich viel Musik. Aus ganz Mexiko und aus vielen anderen Ländern reisen Menschen an, um diese besonderen Tage mitzuerleben.

Wir sind jedoch Mitte Juli hier. Deshalb sehen wir keine nächtlichen Friedhofsfeiern, sondern vor allem Wandbilder, Graffiti, Totenköpfe und kunstvoll verzierte Skelette, die an die Tradition erinnern. Sie vermitteln uns zumindest eine Ahnung davon, wie Oaxaca Anfang November aussehen muss.

„Wir fürchten uns nicht vor Geistern“

„Horrorfilme machen uns keine Angst“, erzählt uns ein Taxifahrer lachend. „Wir haben ein ganz lockeres und natürliches Verhältnis zum Friedhof, zum Tod und zu Geistern.“ Er berichtet uns sogar, dass er nachts gelegentlich geisterähnlichen Wesen begegne. „Sie sind da“, sagt er. „Die meisten Menschen haben einfach verlernt, sie zu sehen.“ Ob man ihm glaubt oder nicht: Seine Erzählung zeigt, wie selbstverständlich in seinem Weltbild Lebende und Verstorbene miteinander verbunden sind.

Musik zwischen den Gräbern

Wie anders Trauer aussehen kann, erlebten wir wenige Tage später zufällig selbst. Wir spazierten an einem kleinen Markt entlang, als vom nahegelegenen Friedhof laute Musik zu uns herüberdrang. Als wir näher kamen, sahen wir, dass der Friedhof voller Menschen war. Sie saßen oder standen rund um die Gräber, aßen, tranken, redeten und tanzten. Eine große Musikkapelle spielte mit Trommeln, Trompeten und Posaunen. Die Musik erinnerte mich ein wenig an eine Schweizer Guggenmusik während der Fasnacht. Zunächst glaubten wir, dort finde ein Volksfest statt – auch deshalb, weil auf dem Friedhof Stände aufgebaut waren, an denen Essen und Getränke verkauft wurden. Doch dann erklärte uns ein Mann, der zwischen den Gräbern gekochte Maiskolben mit Käse verkaufte: „Es ist eine Beerdigung.“

Diese „Schnappschüsse“ habe ich gemacht, bevor ich erfuhr, dass es eine Beerdigung ist. Nachher habe ich das Fotografieren selbstverstädnlich unterlassen.

Ein Bier, das ich nicht ablehnen konnte

Als ich näher zu den Menschen trat, wurde mir mehrfach Mezcal angeboten von Leuten, die um die Gräber sassen. Weil ich später noch fahren musste, lehnte ich dankend ab. Ein junger Mann ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken. Er folgte mir mit einem Corona-Bier so lange, bis er mich eingeholt hatte. Dann drückte er es mir in die Hand und stieß mit mir an. Als ich ihn fragte, ob dies wirklich eine Beerdigung sei, antwortete er: „Ja. Bei uns wird die Beerdigung gefeiert.“

Der Junge war zwölf Jahre alt

Kurz darauf erfuhr ich, dass der Verstorbene ein zwölfjähriger Junge war. In diesem Moment verschwand jede Leichtigkeit und Freude in mir. Jedes Kind, das stirbt, ist eines zu viel. „Komm, Papa, ich will gehen“, sagte Jimmy und zog mich am Arm. Er hatte genug. Ich auch. Trotzdem wollte ich nicht einfach weggehen. Ich wollte mich in Ruhe von diesem Jungen verabschieden. Zwar hatte ich ihn nie gekannt. Dennoch bewegte mich sein Tod tief. Noch nie zuvor war ich bei der Beerdigung eines Kindes gewesen.

Für eine Nacht kehrt er zurück

Der einzige Trost, den ich in diesem Moment finden konnte, lag in jener Vorstellung, die dem Día de Muertos zugrunde liegt: Dass die Toten nicht für immer verschwinden. Dass sie den Weg zu den Menschen zurückfinden, die sie lieben.

Bestimmt wird auch diesem Jungen Anfang November ein Weg aus orangefarbenen Blütenblättern gelegt. Bestimmt werden Kerzen für ihn angezündet, sein Lieblingsessen auf einen Altar gestellt und Geschichten über ihn erzählt. Und bestimmt kehrt er dann zu seiner Familie zurück.

Wenigstens für eine Nacht.

Silvan Meier, 22.7.26

…noch ein paar Bilder aus der wunderschönen, farbenfrohen (und lebensfrohen) Stadt Oaxaca.


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