Welches ist das richtige Land zum Leben? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Es sollte ein Land sein, das sicher ist und eine gute Bildungs- und Gesundheitsversorgung bietet. Zudem sollte der Lebensunterhalt bezahlbar sein. Und ganz wichtig: Es sollte friedlich sein, weit weg von Krieg und politischen Unruhen. Aber ganz ehrlich: Gibt es dieses Land überhaupt?

Nicht alles ist perfekt

Im Augenblick ist es für mich und meine Familie Ecuador. Natürlich ist auch hier nicht alles perfekt. Ich könnte ganze Artikel darüber schreiben, was hier nicht gut läuft. (Aber noch viel mehr darüber, was gut läuft.) Doch ich möchte in erster Linie das Positive sehen und bin dankbar, vorübergehend hier leben zu dürfen. Warum ich mich in Ecuador so wohl fühle, lässt sich vielleicht am besten anhand eines einzigen Tages erklären.

Ein spontaner Ausflug

Unsere Kinder waren zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Also nutzten wir den «freien» Tag für einen Ausflug in die Natur. Nahe bei Cuenca gibt es einen Berg, der mich schon lange fasziniert. Eigentlich ist es gar kein richtiger Berg. Er sieht eher aus wie ein riesiger Tisch mit einer gewaltigen Fläche obendrauf. Beim Landeanflug auf Cuenca fliegt man genau darüber. Beim letzten Mal hatte ich gesehen, dass es dort oben kleine Wege gibt. Also schlug ich vor, an diesem freien Tag eine Wanderung auf dieser „Tischplatte“ zu machen.

Aum Umwegen zum Ziel

Schon der Weg dorthin erwies sich als kleines Abenteuer. Bei der ersten Route, die uns Google Maps vorschlug, stand plötzlich ein riesiges geschlossenes Gitter mitten auf der Fahrbahn. Durchgang gesperrt. Also suchten wir einen zweiten Weg. Der führte durch ein Dorf. Doch auch dort waren die Strassen verstopft – diesmal von Menschen und Pferden. Sie alle waren auf dem Weg zum grossen Dorfplatz, wo offenbar bald ein (Pferde?)Fest beginnen sollte. Um zu unserem Ziel zu gelangen, wurde uns empfohlen, das Dorf über Nebenstrassen und teilweise sogar durch Fahrverbotszonen zu verlassen. Dass dort eigentlich Fahrverbot herrschte, interessierte offensichtlich niemanden. Aber auch dieser Weg erwies sich als schwierig: Plötzlich stand ein Lastwagen quer über die Strasse und lud Pferde auf einer Weide ab. Wegen dem tiefen Strassengraben war eine Durchfahrt unmöglich. Der Verkehr war in beide Richtungen blockiert, während der Fahrer in aller Ruhe die Pferde „aussteigen“ liess. Niemand hupte. Niemand schimpfte. Niemand schien sich daran zu stören.

…auch wenn es so aussieht: ein Vorbeikommen war unmöglich!

Oben auf der «Tischplatte»

Wenig später waren wir tatsächlich oben auf unserer „Tischplatte“ und konnten die kleine Wanderung beginnen. Ganz so flach, wie es von unten – oder aus dem Flugzeug – ausgesehen hatte, war sie allerdings nicht. Es gab einige steile Täler und Felsvorsprünge. Trotzdem war es wunderschön. Fast die ganze Zeit hatten wir Sicht auf Cuenca und auf die unzähligen Berggipfel rings um uns herum. In der Schweiz hätte wahrscheinlich jeder einzelne dieser Gipfel einen Namen und einen ausgeschilderten Weg, der bis zur Spitze führt. In Ecuador ist das anders. Hier heissen die Berge oft einfach nur «Cerro», also «Berge». Wanderwege und vor allem Wegweiser sucht man vielerorts vergebens. Die Ecuadorianer sind nun einmal kein Wandervolk. Auch die Trampelpfade auf unserer «Tischplatte» waren an einigen exponierten Stellen etwas abenteuerlich. Mit gesunder Vorsicht waren sie aber gut zu bewältigen.

Ein Abstecher zum Dorffest

Immer wieder drangen Musik und Stimmen vom Dorffest zu uns hoch. Also entschieden wir spontan, zum Mittagessen dorthin zu fahren. Die Strassen waren voller Essens- und Verkaufsstände. Und vor allem: voller Leben. Buchstäblich an jeder Ecke gab es Empanadas, Hornado – ganzes gebackenes Schwein –, gebratene Hühner oder Meerschweinchen zu kaufen. Teilweise wurde dafür direkt auf der Strasse ein Kohlefeuer entfacht. Man stelle sich das einmal in der Schweiz vor …

ein Feuer zum Kochen auf der Strasse – warum denn nicht?

Willkommen, Gringo

Das Fest fand zu Ehren irgendeines Heiligen statt. Auf dem Dorfplatz neben der Kirche gab es neben einem Fussball- und Volleyballturnier auch Tanz-Vorführungen. Und eine Versteigerung, bei der Tiere und Haushaltsartikel angeboten wurden. Gerade wurden zwei Hähne verkauft, danach fünf Meerschweinchen. Dann war ein Schaf an der Reihe. Als der Verkäufer auf der Bühne mich als weissen Gringo in der Menge entdeckte, rief er plötzlich ins Mikrofon: „Herzlich willkommen in Ecuador – Sie sind hier immer willkommen!“ Natürlich drehten sich einige Leute zu mir um. Andere fragten, woher ich komme. Und immer wieder hörte ich denselben Satz: „Willkommen in Ecuador.“ Wie sollte man sich da nicht willkommen fühlen?

Versteigerung (hier vom Schafbock), traditionelle Tänze und Hornado – mein Lieblingsessen

Unterschiede zu Europa

Dieser Tag war völlig ungeplant und spontan. Aber vielleicht war er gerade deshalb so wunderschön. Es ist diese Mischung aus Natur, Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die dafür sorgt, dass ich mich in Ecuador wirklich wohlfühle. Es ist längst nicht alles perfekt geregelt, und vieles funktioniert nicht so, wie man es aus Europa gewohnt ist. Aber eben: Trotzdem funktioniert es irgendwie. Bei den Menschen dreht sich nicht alles um Arbeit und Geld. Die Leute haben Zeit – oder vielleicht nehmen sie sich diese einfach. Es gibt Regeln, aber man kann sie durchaus grosszügig auslegen. Zugegeben: Je nachdem, was man gerade braucht, kann das ein Vor- oder ein Nachteil sein. Aber grundsätzlich ist es dieses Leben und leben lassen, dieses gute Mass an Freiheit, Toleranz und Bodenständigkeit, das mich fasziniert.

Für die Schule: die Schweiz!

Ob Ecuador für immer der richtige Ort für uns ist, bezweifle ich. Kein Schulsystem auf der Welt – und ich kenne inzwischen doch einige – überzeugt mich so sehr wie das duale Schweizer Bildungssystem. Und die Bildung meiner Kinder ist mir heilig. Auch kenne ich kaum ein Land, das so gut organisiert ist wie die Schweiz. Vielleicht würde ihr aber gerade deshalb manchmal ein wenig mehr Lockerheit guttun. Vieles ist durchorganisiert und durchgetaktet, und für Improvisation und Spontaneität bleibt wenig Platz. Es wird erwartet, dass alles funktioniert. Möglichst perfekt. Doch genau diese Erwartung hat auch einen Haken: Wer zu viel erwartet, wird bekanntlich leichter enttäuscht.

Den «Spirit» mitnehmen

Falls wir eines Tages in die Schweiz zurückkehren sollten, werde ich mich bestimmt wieder über die gute Organisation freuen. (Und natürlich auf die Heimspiele des FCSG.) Gleichzeitig hoffe ich, dass mir etwas anderes erhalten bleibt: dieser ecuadorianische Geist, den ich so sehr lieben gelernt habe. Die Fähigkeit, nicht alles kontrollieren zu müssen. Manchmal einen Umweg zu nehmen, ohne sich darüber zu ärgern. Geduld zu bewahren und warten, bis die Pferde ausgestiegen sind. Und darauf zu vertrauen, dass man am Ende trotzdem irgendwie dort ankommt, wo man hinwollte. Denn irgendwie geht es immer. Zumindest in Ecuador.

Eindrücke vom Dorffest zu Ehren vom heiligen …irgendetwas. Hauptsache Fest. (Das sehen die Ecuadorianer natürlich etwas anders 😉

Silvan Meier, 23. Oktober 2026


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