Vor Kurzem wurde ich aufgefordert, darüber nachzudenken, ob ich mit den Kindern im Unterricht „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ wirklich noch singen soll – das Lied sei nicht mehr zeitgemäss und könne diskriminierend wirken.

Das hat mich beschäftigt.

Wo beginnt Diskriminierung?

Um eines gleich vorwegzunehmen: Ich bin gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung. Mir ist wichtig, dass meine Kinder tolerant aufwachsen und wissen, dass jeder Mensch, egal woher er kommt, welche Hautfarbe er hat oder zu wem er betet, ein Freund sein kann. Ich glaube, das ist uns auch ganz gut gelungen. Zu den besten Freunden meiner Kinder gehören Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Für sie ist das völlig normal. Genau so sollte es sein.

Was mich aber beschäftigt, ist die Frage, ob wir im Umgang mit dem Thema manchmal die Verhältnismässigkeit verlieren. Wer lange genug sucht, findet in fast jedem Lied, jedem Buch, jedem Gedicht oder Film etwas, das irgendjemand als diskriminierend empfinden könnte.

Natürlich kann man auch „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ kritisch betrachten. Für mich ist es aber in erster Linie ein Sprachspiel. Die Kinder ersetzen die Vokale, hören genau hin, trainieren die Aussprache und haben dabei Spass. Niemand macht sich in meinem Unterricht über Chinesen lustig.

Natürlich gibt es Rassisten. Es gibt Antisemiten, Menschenfeinde und unbelehrbare Idioten. (Deshalb auch mein Buch: „Ich will nicht, dass meine Kinder Idioten werden!“) Und ich bezweifle, dass wir diese Menschen dadurch erreichen, dass wir „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ aus dem Musikunterricht verbannen.

Entscheidend ist für mich deshalb nicht nur, ob sich irgendwo theoretisch etwas Anstössiges finden lässt, sondern vor allem, wie wir Menschen tatsächlich behandeln.

Was mir meine Reisen gezeigt haben

Vielleicht sehe ich das auch deshalb so, weil ich über 70 Länder bereist und viele Jahre ausserhalb Europas gelebt habe. Dabei habe ich unglaublich viel Gastfreundschaft und Freundschaft erfahren. Die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe, waren freundlich, hilfsbereit und offen. Gleichzeitig habe auch ich mehrfach erlebt, wie es sich anfühlt, aufgrund meiner eigenen Herkunft anders (rassistisch?) behandelt zu werden.

Ich habe aber auch Diskriminierung erlebt, die mich wirklich schockiert hat: Eine wohlhabende Frau liess ihre Haushaltshilfe aus einem ärmeren Nachbarland stundenlang auf den Knien den Boden putzen, während sie selbst am Handy sass. Mit einer Haushaltshilfe aus dem eigenen Land hätte sie das nicht gemacht. Ich habe erlebt, dass Frauen das Haus nicht allein verlassen durften, während ihre Männer mit Freunden bis tief in die Nacht feierten. Und eine Mutter wollte nicht, dass ihr Kind mit einem anderen Kind befreundet war, weil dessen Familie einen niedrigeren gesellschaftlichen Status hatte – obwohl die Kinder dieselbe Klasse besuchten und sich bestens verstanden.

Ich habe Menschen erlebt, die teure Kosmetik kauften, damit ihre Haut heller wurde – weil sie nicht mit der arbeitenden Landbevölkerung verwechselt werden möchten. Ethnische Minderheiten wurden im eigenen Land offen ausgegrenzt. Und Menschen hatten wegen ihres Nachnamens schlechtere berufliche Chancen, obwohl ihre Familien seit jeher dort lebten.

Das sind persönliche Beobachtungen und kein Urteil über ganze Länder oder Kulturen. Sie sollen auch Diskriminierung bei uns nicht relativieren. Meine Reisen haben mir vielmehr gezeigt, wie unterschiedlich Gesellschaften mit Ungleichheit umgehen – und wie schnell etwas als normal betrachtet wird.

Verlieren wir manchmal die Verhältnismässigkeit?

Auch in meiner Heimat gibt es Rassismus und Diskriminierung. Wenn jemand wegen seiner Hautfarbe, Herkunft oder Religion beleidigt, ausgegrenzt oder benachteiligt wird, müssen wir dagegenhalten. Gleichzeitig dürfen wir meiner Meinung nach auch anerkennen, wie viel sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Menschen unterschiedlichster Herkunft leben, arbeiten und lernen miteinander. Nicht alles ist perfekt – aber vieles ist eben auch nicht selbstverständlich.

Und genau deshalb finde ich es schade, wenn wir uns an Kleinigkeiten zerfleischen. Wir diskutieren darüber, ob ein altes Kinderlied noch gesungen werden darf, während für mich viel entscheidender ist, wie wir dem Menschen gegenübertreten, der vor uns steht. (Wie viele «Weltverbesserer» schaffen es nicht einmal, ihre Mitmenschen freundlich zu begrüssen?!)

Toleranz zeigt sich für mich nicht darin, jedes möglicherweise problematische Wort aus Büchern, Filmen oder Liedern zu entfernen. Sie zeigt sich im Alltag: jemanden respektvoll behandeln, zuhören, helfen, allen die gleichen Chancen einräumen – und auch eine andere Meinung aushalten.

Vielleicht brauchen wir deshalb beides: Sensibilität, wenn Menschen tatsächlich diskriminiert werden – und etwas mehr Gelassenheit, wenn sie es nicht werden.

Das wäre zumindest die Gesellschaft, in der ich gerne leben möchte.

PS: Noch ein paar Gedanken zum Schluss …

Soll ich nun „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ weiterhin singen?

Aber darf ich dann auch noch „Ein Männlein steht im Walde“ singen? Oder müsste ich das „Männlein“ durch ein „Fräulein“ ersetzen – wobei das ja auch schon wieder problematisch sein könnte? Gibt es vielleicht eine geschlechtsneutrale Version?

Und wie sieht es mit dem australischen Kanon „Kookaburra sits in the old gum tree …“ aus? Darf ich den als Schweizer überhaupt singen, oder fällt das bereits unter kulturelle Aneignung?

Was ist mit „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“? Ist das für einige Kinder nicht viel zu grausam? Schliesslich wird dem armen Fuchs mit dem Gewehr gedroht.

Vielleicht ersetze ich die drei Chinesen einfach durch drei Kamele. Wobei ich dann vermutlich den Tierschutz am Hals habe. Oder jemanden, der sich fragt, woher die drei Kamele überhaupt einen Kontrabass haben.

Am liebsten würde ich die Chinesen einfach durch Silvan ersetzen. Ich hätte kein Problem damit, könnte darüber lachen und niemand müsste sich diskriminiert fühlen. Es gibt nur ein Problem: Sil-Van kann silbenmässig mit Chi-Ne-Sen einfach nicht mithalten. Es würde schrecklich tönen.

Egal, was ich tue: Ich werde es nie allen recht machen können.

Also werde ich meinen Kindern auch in Zukunft beibringen, Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer Religion zu beurteilen, sondern danach, wie sie anderen Menschen begegnen.

Und wenn wir dabei hin und wieder „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ singen, kann ich damit ziemlich gut leben.

Silvan Meier, 27.9.26


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