„Wer ganz Südamerika erleben möchte, muss nach Ecuador reisen – denn Ecuador vereint alles, was Südamerika ausmacht.“

Wer diesen Satz ursprünglich geschrieben hat, weiss ich nicht – Humboldt war es jedenfalls nicht. Aber selten hat ein Zitat meine eigenen Reiseerfahrungen besser auf den Punkt gebracht.
In kaum einem anderen Land treffen auf so engem Raum so viele Landschaften, Klimazonen und Kulturen zusammen wie in Ecuador. Und obwohl ich inzwischen rund 70 Länder bereist habe, hat mich kein Land so in seinen Bann gezogen wie dieses.
Da sind zum einen die bodenständigen, herzlichen und stets freundlichen Menschen. Und dann natürlich die unglaubliche Vielfalt der Landschaften: schneebedeckte Vulkane, dichte Nebelwälder, tropischer Regenwald, einsame Andentäler und die Pazifikküste – alles nur wenige Fahrstunden voneinander entfernt.
Damit du verstehst, was ich meine, nehme ich dich mit auf einen viertägigen Roadtrip von Cuenca nach Quito. Also steig ein – wir fahren los.


Tanzen fürs Dessert
Nach unzähligen Kurven auf durchschnittlich 2’700 Metern über Meer tauchen schliesslich die ersten Häuser von Alausí aus dem Nebel auf. Die Fahrt war wunderschön, aber auch anstrengend. Die vielen Schlaglöcher verlangten mir als Fahrer und dem Auto einiges ab. Auf den letzten Kilometern krochen wir wegen des dichten Nebels nur noch im Schritttempo vorwärts. Doch genau solche Wetterwechsel gehören in den Anden zum Alltag.
Kurz bevor es dunkel wird, kehren wir in einem traditionellen Restaurant ein. Es gibt, wie so oft im Hochland, gebratenes Fleisch, Kartoffeln und Mais. Nur das Dessert fehlt – denn das muss man sich nämlich zuerst verdienen: Jeder Gast, der nach dem Essen zur traditionellen Musik tanzt, bekommt es kostenlos. Nein, das ist keine clevere Marketingidee. Es ist einfach Ausdruck der Lebensfreude, die ich in Ecuador immer wieder erlebe. Musik und Tanz gehören hier ganz selbstverständlich zum Alltag.
Jimmy und Jamiro – normalerweise nicht gerade die Könige der Tanzfläche (das haben sie eindeutig von mir geerbt) – machten zu meiner Überraschung begeistert mit. Und da sie sowieso schon volle Bäuche hatten, durfte ich mich übers Dessert freuen. Diese Rechnung ist perfekt aufgegangen.


Die Teufelsnase
Am nächsten Morgen wartet einer der bekanntesten Höhepunkte des ecuadorianischen Hochlands auf uns. Als ich die Bahnlinie zum ersten Mal sah, fragte ich mich ernsthaft, wie hier jemals ein Zug fahren konnte.
Die Nariz del Diablo – auf Deutsch Teufelsnase – gehört zu den spektakulärsten Eisenbahnstrecken Südamerikas. Zwar besitzt Ecuador keinen Gotthard-Basistunnel. Doch was die Ingenieure hier vor über hundert Jahren geschaffen haben, ist mindestens genauso beeindruckend.
Ende des 19. Jahrhunderts sollte eine Eisenbahn die Hafenstadt Guayaquil mit der rund 2’800 Meter hoch gelegenen Hauptstadt Quito verbinden. Für Ecuador war dieses Projekt von enormer Bedeutung: Erstmals sollten Waren und Menschen schnell zwischen Küste und Hochland transportiert werden können.
Die grösste Herausforderung stellte jedoch ein markanter Felsvorsprung dar – die Nariz del Diablo. Eine normale Bahnstrecke war hier unmöglich. Die Ingenieure fanden deshalb eine geniale Lösung: Der Zug fährt in mehreren Spitzkehren abwechselnd vorwärts und rückwärts den steilen Hang hinunter. Noch heute gilt dieser Abschnitt als eines der eindrucksvollsten Beispiele historischer Eisenbahntechnik.
Wenn sich der Zug langsam an den Felswänden entlang bewegt und tief unter einem das Tal auftaucht, versteht man sofort, weshalb diese Strecke oft als eine der spektakulärsten Eisenbahnfahrten der Welt bezeichnet wird.


Nur noch für touristische Zwecke
Heute werden auf dieser Strecke längst keine Güter mehr transportiert. Der spektakuläre, rund zwölf Kilometer lange Abschnitt zwischen Alausí und Sibambe dient ausschliesslich touristischen Fahrten.
Die Nariz del Diablo ist weit mehr als nur eine schöne Zugfahrt. Sie ist ein Stück ecuadorianischer Geschichte und erinnert an ein Bauprojekt, das unzähligen Menschen enorme Anstrengungen – und vielen sogar das Leben – kostete.
Früher durften die Passagiere übrigens noch auf dem Dach der Waggons mitfahren. Aus Sicherheitsgründen ist das heute nicht mehr erlaubt. Dieser Challenge ist meines Erachtens auch gar nicht nötig. Denn auch aus dem Wageninnern ist die Fahrt spektakulär genug und gehörte für uns zu den absoluten Höhepunkten unserer Reise.


Die Reise geht weiter
Eigentlich hätten wir rund um Alausí problemlos noch ein oder zwei Tage verbringen können. Die Region hat weit mehr zu bieten als nur die berühmte Zugstrecke.
Doch unser Ziel lag weiter nördlich. Schliesslich mussten wir rechtzeitig in Quito sein, denn schon bald wartete unser Flug nach Mexiko.


Welche Landschaften uns unterwegs noch völlig überrascht haben, warum wir plötzlich mitten in den Anden auf Sanddünen standen und weshalb ich mich ausgerechnet am Chimborazo ein kleines bisschen verliebt habe, erzähle ich im zweiten Teil dieses Roadtrips.
Bis gleich.


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