08.00 Uhr – Noch 12 Stunden bis zum Anpfiff
Vero und ich haben endlich ein Auto gekauft. Früh am Morgen müssen wir damit zur Motorfahrzeugkontrolle. Schon auf dem Weg dorthin deutet alles darauf hin, dass heute kein gewöhnlicher Tag wird.
Immer mehr Autos fahren mit Ecuador-Fahnen durch die Strassen. An fast jeder Kreuzung verkaufen Händler gelbe Trikots der Tri, Fahnen, Schals und alles, was irgendwie in den Nationalfarben leuchtet. Die Büroangestellten und Sachbearbeiter im Strassenverkehrsamt tragen fast ausnahmslos das Ecuador-Shirt. Nur die Mechaniker tragen ihre vorgeschriebene Arbeitskleidung. Zumindest äusserlich. Ich bin überzeugt: Unter fast jedem Overall versteckt sich heute ein gelbes Trikot.
11.30 Uhr – Noch achteinhalb Stunden bis zum Anpfiff
Schon auf dem Pausenplatz ist klar: Heute findet kein gewöhnlicher Schultag statt.
Gefühlt jedes zweite Kind trägt das gelbe Trikot der Tri. Viele haben sich das Ecuador-Wappen auf die Wange oder die Stirn gemalt. In der Pause – und teilweise sogar während des Unterrichts – hallen laute Fangesänge durch die Gänge, wie man sie sonst nur aus einem Stadion kennt.
Kurz vor Unterrichtsschluss malt eine Lehrerin den Kindern nochmals sorgfältig das Ecuador-Wappen auf die Wange. Hoffentlich hält die Farbe bis heute Abend.
In der Schweiz wäre ein WM-Spiel natürlich ebenfalls Gesprächsthema. Aber der Unterricht würde trotzdem ganz normal weitergehen. Hier scheint dagegen das ganze Land seit dem Morgen nur noch auf einen einzigen Moment zu warten.
16.00 Uhr – Noch 4 Stunden bis zum Anpfiff
Ich verlasse mit meinen Jungs das Haus in Richtung Leichtathletiktraining. Vor dem Eingang treffe ich unseren Hausmeister. Natürlich gibt es nur ein Gesprächsthema. „Wenn Paraguay das Wunder gegen Deutschland geschafft hat, warum soll Ecuador nicht das Wunder gegen Mexiko schaffen?“ Er ist überzeugt, dass heute Grosses möglich ist.
Ich bin etwas vorsichtiger.
Schliesslich einigen wir uns auf folgendes Szenario: Ecuador verteidigt leidenschaftlich, kassiert kein Gegentor, schiesst aber selber auch keines – und gewinnt schliesslich im Penaltyschiessen.
Wir lachen beide.
Dann diskutieren wir darüber, ob Präsident Daniel Noboa bei einem Einzug in den Achtelfinal wohl erneut einen Feiertag ausrufen würde. Oder diesmal gleich zwei. Sicher ist: Überraschend wäre es nach dem Deutschland-Spiel nicht mehr.
Auf dem Weg zur Leichtathletik fallen mir noch mehr Verkäufer mit gelben Ecuador-Shirts auf als sonst. Ich frage mich kurz, was sie wohl mit all den Trikots machen würden, falls Ecuador heute verliert. Aber diesen Gedanken schiebe ich sofort wieder zur Seite.

17.30 Uhr – Noch zweieinhalb Stunden bis zum Anpfiff
Die Jungs sind noch im Training. Ich sitze in einem Café und versuche, ein paar Schularbeiten zu erledigen. Versuche. Denn wie wahrscheinlich in jedem Restaurant und jedem Café in Cuenca – und vermutlich im ganzen Land – läuft das Achtelfinalspiel Frankreich gegen Schweden auf Grossbildschirm. Ich war noch nie so unkonzentriert beim Arbeiten wie heute.
Die Serviceangestellte – selbstverständlich im Ecuador-Trikot – bringt mir eine heisse Schokolade. Genau in dem Moment wird Frankreich gefährlich. Sie bleibt mitten in der Bewegung stehen, schaut gebannt auf den Fernseher und verschüttet beinahe meine heisse Schokolade. Sie entschuldigt sich lachend. Ich glaube, heute hätte ihr sogar ein Erdbeben weniger Aufmerksamkeit abverlangt als dieses Fussballspiel.
Nach einem französischen Tor dröhnt plötzlich aus den Lautsprechern: „Heeeey, hey Baby … uuh, ahh …“ Moment mal…! Spielen die an der Fussball-WM tatsächlich DJ Ötzi? Ich muss lachen. Offenbar gehört auch das irgendwie zu dieser Weltmeisterschaft.
Draussen fahren immer mehr Autos mit gelben Fahnen vorbei. Noch ist es erstaunlich ruhig. Vielleicht ist das einfach die Ruhe vor dem Sturm.
20.42 Uhr – Noch 18 Minuten bis zum Anpfiff
Der Fernseher läuft – wir sind bereit fürs Spiel. Und das schon seit über 40 Minuten. Nur in Mexiko-Stadt sind sie es noch nicht. Ein heftiger Regen hat den Anpfiff um eine Stunde verzögert.
Das Hupen in Cuenca ist inzwischen verstummt. Alle Fussballfans – also praktisch das ganze Land – scheinen dort angekommen zu sein, wo sie das Spiel verfolgen werden. Wir schauen den Match zu Hause. Morgen ist schliesslich wieder Schule. Es sei denn natürlich, Ecuador gewinnt und Präsident Daniel Noboa erklärt erneut spontan den nächsten Tag zum Feiertag.
Unser «Wir» ist inzwischen allerdings etwas geschrumpft. Vero muss dringend noch eine Arbeit fertigstellen, und Jamiros Augen waren schon vor einer Stunde nur noch halb geöffnet. Jimmy und ich halten dagegen durch. Dieses historische Spiel wollen wir uns nicht entgehen lassen.
22.00 Uhr – Halbzeit
Ecuador liegt 0:2 zurück. Und man muss es ehrlich sagen: Die Hoffnung auf eine Wende ist praktisch verschwunden. Die Offensive ist zu harmlos. Und Mexiko ist schlicht besser. Jimmy kämpft mit den Tränen. „Der Schiedsrichter ist schuld!“, ist er überzeugt. Und das erste Tor sei ohnehin klares Offside. Auch wenn das ausser ihm offenbar niemand so gesehen hat.
Schliesslich beschliessen wir, ins Bett zu gehen. Zum ersten Mal überhaupt schalten wir ein WM-Spiel in der Pause aus. Obwohl wir uns seit Tagen darauf gefreut hatten.
03.00 Uhr morgens – Die Antwort kennt die Nacht
Ich wache kurz auf. Nicht wegen eines riesigen Hupkonzerts, das die Sensation bedeutet hätte. Sondern wegen… nichts. Die Nacht ist still. Fast unheimlich still.
Eigentlich müsste ich gar nicht aufs Handy schauen. Die Stille sagt bereits alles. Was ich längst ahne, bestätigt sich wenige Sekunden später: Ecuador hat verloren.
Die WM ist vorbei.
Der Tag danach
Am Morgen fällt sofort auf, dass deutlich weniger Verkehr unterwegs ist. Die Stadt wirkt ruhiger. Auch in der Schule fehlen viele Kinder. Einige sind krankgemeldet, andere offiziell abwesend. Und diejenigen, die da sind, haben auffallend verschlafene Augen. Gelbe Trikots sieht man heute keine.
Über das Spiel spricht kaum jemand. Es ist, wie es ist. Alle wissen es.
Kurz nach dem Ausscheiden wird auch der Trainer offiziell entlassen. Er dürfte nun ebenso Erholung brauchen wie das ganze Land. Und das Team: Denn die Ecuadorianer hatten offenbar schon vor dem Anpfiff keine einfache Nacht: Medien berichten, dass mexikanische Fans vor dem Hotel der Nationalmannschaft stundenlang mit Hupen und lauter Musik gefeiert haben, sodass die Spieler kaum schlafen konnten. Ob das den Ausschlag gegeben hat? Wahrscheinlich nicht. Mexiko war an diesem Abend einfach die bessere Mannschaft. Doch jedes Ende ist auch ein Neuanfang. Ein neuer Trainer. Ein neues Team. Eine neue Qualifikation. Und irgendwann eine neue Weltmeisterschaft. Nur die Strassenverkäufer mit ihren gelben Tri-Trikots werden vermutlich wieder dieselben Shirts aus den Kartons holen.
Es geht weiter. Die nächste WM kommt bestimmt.
¡Sí se puede!
Silvan Meier, 1. Juli 2026

Das gelbe Shirt kann (oder muss) buchstäblich „an den Nagel gehängt werden“. Hoffentlich nur vorübergehend…
