Das scheinbar Unmögliche ist tatsächlich passiert: Ecuador hat an der Fussball-WM Deutschland besiegt und den Einzug in die nächste Runde geschafft. Wer hätte das gedacht? Doch die zweite grosse Überraschung dieses Abends folgte erst nach dem Schlusspfiff: Präsident Daniel Noboa erklärte den folgenden Tag zum nationalen Feiertag.
Ein Land im Ausnahmezustand
Und es wurde gefeiert. Nach dem Schlusspfiff verwandelten sich die Strassen Cuencas in ein gelbes Meer. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, es wurde gesungen, gelacht, getanzt – und vor allem gehupt. Bis tief in die Nacht. Dass man ausgerechnet gegen das hoch favorisierte Deutschland gewonnen hatte, machte den Triumph noch süsser.
Nach der bitteren Niederlage gegen die Elfenbeinküste und dem enttäuschenden Unentschieden gegen Curaçao war dieser Sieg alles andere als selbstverständlich. Aber er war hochverdient. Leidenschaft und Stolz hat sich gegen (vermeintliche) Klasse durchgesetzt. Was für eine Leistung!


Ein Tor im Bus
Dabei hatte das Spiel denkbar schlecht begonnen: Schon nach einer Minute führte Deutschland mit 1:0. Wir waren zu diesem Zeitpunkt noch immer auf der Suche nach einem Taxi. Die Strassen waren menschenleer, Verkehr gab es kaum – und Taxis schon gar nicht. Also nahmen wir den Bus zum Public Viewing.
Die Vorfreude war entsprechend getrübt. Wir rechneten mit dem Schlimmsten. Im Bus – wie könnte es anders sein – wurde das Spiel über das Radio live übertragen. Die Tonqualität war miserabel. Plötzlich ertönte aus den Lautsprechern ein langgezogenes: «Gooooooooaaal, Goooooooooooooooooooooal!»
Die Passagiere blieben zunächst zurückhaltend ruhig. Denn niemand wusste, für wen das Tor gefallen war. (Man hatte nur so einen üblen Verdacht…) Erst als der Reporter endlich ergänzte: «¡Gol para Ecuador!», brach im Bus lauter Jubel aus. Schlagartig kehrte die Hoffnung zurück.
Eine Stadt hält den Atem an
Die letzten Minuten bis zum Public Viewing mussten wir zu Fuss zurücklegen. Doch buchstäblich an jeder Ecke flimmerten Bildschirme in Bars und Restaurants, sodass wir bestens über das Spielgeschehen informiert blieben.
«¡Vamos, Ecuador!», «¡Sí se puede!»
Noch nie habe ich ein derart emotionsgeladenes Public Viewing erlebt. Ecuador stand mit dem Rücken zur Wand, es ging um alles. Nur der Ball wollte einfach nicht ins Tor. Sofort wurden böse Erinnerungen an das Spiel gegen Curaçao wach.
Und dann fiel das Tor. Kein besonders schönes – aber eines, das zählte. Es wurde gefeiert, als wäre Ecuador soeben Weltmeister geworden. Wieder hallte der ecuadorianische Schlachtruf durch die ganze Stadt, ja durchs ganze Land: «¡Sí se puede!» – was man ironischerweise mit «Wir schaffen das!» übersetzen könnte.
Die Erlösung
Nach 97 Minuten ertönte endlich der Schlusspfiff – und mit ihm die Erlösung.
Was in einem fussballverrückten Land wie Ecuador in diesem Moment geschieht, kann man sich kaum vorstellen. «¡Sí se pudo!» – «Wir haben es geschafft!» – schallte es durch die Strassen und Gassen. Niemand konnte so richtig fassen, was gerade passiert war.


Die zweite Überraschung
Zwei Stunden später, gegen 19 Uhr – die Feierlichkeiten waren noch voll im Gange – machte plötzlich ein Gerücht die Runde:
«Der Präsident hat den morgigen Tag zum nationalen Feiertag erklärt.»
«Fake News!», lautete die erste Reaktion.
Doch kurz darauf bestätigten mehrere grosse ecuadorianische Tageszeitungen die Nachricht. Unglaublich.
Man stelle sich das einmal in der Schweiz oder in Deutschland vor: Die Nationalmannschaft kommt eine Runde weiter – und zur Feier des Tages erklärt die Regierung den nächsten Tag spontan zum Feiertag. Schlicht unvorstellbar.
Das gibt es wohl nur in Ecuador. Sí se puede. Ja, hier kann man das.
Ob ein zusätzlicher Feiertag wirklich das Beste für das Land ist, möchte ich nicht beurteilen. Eines ist jedoch sicher: Hätte ich heute ganz normal arbeiten müssen, wäre dieser Artikel nie entstanden.
Und so bleibt Ecuador nun genügend Zeit, diesen historischen Sieg zu verarbeiten – und sich auf den Sechzehntelfinal zu freuen.
Wer weiss? Vielleicht geht es dort sogar gegen die Schweiz.
Silvan Meier, 26. Juni 2026
(Es ist 7 am Morgen – ich sitze mit Jimmy im Bett, und wir schauen uns nochmals die Zusammenfassung an… einfach unglaublich!)






