Inti Raymi ist für viele Menschen im ecuadorianischen Hochland eines der bedeutendsten Feste des Jahres. Seine Ursprünge reichen bis in die Zeit der Inka zurück, welche die Sonne als höchste Gottheit verehrten. Gefeiert werden an diesem Tag die Sonne, die Natur, die Mutter Erde (Pachamama) und die Ernte. Es handelt sich um ein Dankesfest, das in gewisser Weise mit unserem Erntedankfest vergleichbar ist.
Traditionell findet Inti Raymi am 21. Juni statt – dem Tag der Wintersonnwende auf der Südhalbkugel. Für die Inka markierte dieser Tag einen wichtigen Wendepunkt im Jahreszyklus und den Beginn eines neuen landwirtschaftlichen Abschnitts.
Auf nach Ingapirca
Von diesem farbenfrohen Fest hatten wir schon viel gehört. Entsprechend wollten wir es uns nicht entgehen lassen. Deshalb fuhren wir an einen ganz besonderen Ort: nach Ingapirca, das oft als das «Machu Picchu Ecuadors» bezeichnet wird. Dort befinden sich die bedeutendsten präkolumbischen Ruinen des Landes. Ursprünglich war das Gebiet ein wichtiges Zeremonialzentrum der Cañari, eines Volkes, das bereits lange vor den Inka dort lebte. Später erweiterten die Inka die Anlage und errichteten ihre eigenen Tempel und Kultstätten. Heute pflegen die Nachfahren der Cañari ihre Traditionen weiterhin – und auch für sie spielen Sonne, Natur und die Verbundenheit mit der Erde eine zentrale Rolle.


Die Ruinen von Ingapirca
Tanz, Musik und Fussball
Zufälligerweise fiel das Datum des Festes genau auf das WM-Spiel Ecuador–Curaçao. Eigentlich die besten Voraussetzungen für ein grosses Fest, wie es die Ecuadorianer lieben: Tanz, Musik und Fussball. Leider kam es dann doch etwas anders. Aber schön der Reihe nach …
Etwa 2,5 Stunden von Cuenca entfernt, auf 3150 Metern über Meer, liegt das Dorf Ingapirca. Für ein Fest zu Ehren der Sonne war es dort oben ziemlich kalt, weshalb wir uns auf dem Markt zuerst mit Mützen und Handschuhen eindecken mussten.
Touristen gab es fast keine. Dafür waren umso mehr Tanzgruppen aus allen Teilen Ecuadors zu Gast, die auf dem Festplatz für eine farbenfrohe und fröhliche Atmosphäre sorgten.



Wenn sogar die Sonne fehlt
Nur die Sonne, quasi der Ehrengast, wollte sich nicht so richtig zeigen. Besonders zu spüren bekam dies eine Tanzgruppe aus dem Oriente (Dschungel), die in ihrer typischen Tracht fast eine Stunde lang halbnackt und vor Kälte schlotternd auf ihren Auftritt warten musste. Kaum standen sie auf dem Festplatz, setzte zu allem Übel auch noch eiskalter Regen ein.Dennoch war ihre Darbietung energiegeladen, farbig und lebensfroh – wie alle anderen Vorführungen auch.



Einmal mehr wurde klar: Die Schönheit Ecuadors liegt nicht nur in seiner Natur, sondern auch in seiner kulturellen Vielfalt. Kaum ein anderes Land vereint auf so kleinem Raum so viele unterschiedliche Völker, Traditionen und Identitäten.



Stillstehen unmöglich
Ich und Tanzen – das passt ungefähr so gut zusammen wie der Teufel und das Weihwasser. Mit meinen «Holzbeinen» hatte ich noch nie grosse Freude daran, weder beim Tanzen selbst noch beim Zuschauen. Doch hier in Ingapirca war das anders. Bei diesen mitreissenden Latino-Rhythmen und energiegeladenen Darbietungen kann man gar nicht anders, als mitzufeiern und sich zu bewegen.
Nach den Tanzvorführungen verlagerte sich das Festgeschehen zunehmend vor die grosse Bühne. Dort spielte am Abend eine Live-Band – und im Hintergrund lief auf einer Grossleinwand das WM-Spiel Ecuador gegen Curaçao.



… und wieder kein Sieg!
Nirgendwo sonst auf der Welt habe ich so etwas erlebt. Aber eigentlich ist es die perfekte Kombination für Ecuadorianer: Musik, Tanz und Fussball gleichzeitig. Besser könnte es kaum sein … vorausgesetzt, die Herren auf dem Fussballfeld machen alles richtig.
Doch das war leider (einmal mehr) nicht der Fall. Obwohl gefühlt im Zweiminutentakt ein Schuss auf das Tor von Curaçao kam, wollte der Ball einfach nicht ins Netz. So blieb es beim Schlusspfiff beim 0:0 – ein Resultat, das sich für Ecuador wie eine Niederlage anfühlte. Der Traum vom Sechzehntelfinal rückte damit in weite Ferne.

Musik, Tanz und Fussball zur gleichen Zeit
Auch der heisse Punsch konnte bei diesen kalten Temperaturen und dieser symbolisch eiskalten Dusche keine Wärme mehr bringen. Zum Glück spielte die Band lautstark weiter. So blieb den Ecuadorianern kaum Zeit, der verpassten Chance nachzutrauern. Getanzt wurde trotzdem – vielleicht etwas weniger euphorisch als geplant, aber immer noch deutlich ausgelassener als an einem durchschnittlichen Samstagabend in der Schweiz.
Nichts ist selbstverständlich
Ein Sieg Ecuadors gegen den Aussenseiter Curaçao war für viele Fans selbstverständlich. Genauso selbstverständlich scheint für viele Menschen, dass immer genug Essen und Trinken auf dem Tisch stehen.
Vielleicht passt gerade deshalb dieses enttäuschende Fussballspiel so gut zu Inti Raymi. Das Fest erinnert daran, dass nichts im Leben selbstverständlich ist und dass wir demütig und dankbar sein sollten für das, was wir haben. Gerade in einer Zeit, in der vieles als selbstverständlich betrachtet wird, ist diese Botschaft aktueller denn je. Genau dafür steht Inti Raymi.
Übrigens: Am Donnerstag spielt Ecuador gegen Deutschland – und dann geht es wirklich um alles. Für viele Fussballfans dürfte der Ausgang bereits feststehen. Schliesslich heisst es: «Das Runde muss ins Eckige, das Spiel dauert 90 Minuten und am Schluss gewinnt Deutschland.»
Es wäre schön, wenn auch dieses Mal nicht alles so selbstverständlich verliefe. Ecuador würde es freuen – und die Geschichte hätte einen weiteren überraschenden Schluss.



Zeremonie auf dem Festgelände zum Dank an „Pacha Mama“

Silvan Meier, 23. Juni 2026
