Fussball als Lebensgefühl

Ich kenne kein Land, in dem das Wort «Euphorie» im Hinblick auf die Fussball-WM besser passen würde als Ecuador. Fussball wird hier täglich geliebt, gelebt und gefühlt. Ein Familien-BBQ ohne Fussball geht hier gar nicht. Schon oft habe ich Familien im Park beobachtet, bei denen vom Kleinkind bis zur Grossmutter vor, nach und teilweise sogar während des Essens alle zusammen Fussball gespielt haben.

Meine Kinder oder meine Schüler können auf jedem Gelände Fussball spielen – egal wie steil oder holprig es auch ist. Auch Bäume oder Hunde auf dem Spielfeld stellen kein Hindernis dar. Dann dribbelt man halt in südamerikanischer Ballkunst gekonnt darum herum. Kein Wunder hat Ecuador in den letzten Jahren so viele grosse Fussballer hervorgebracht: Wer unter diesen Bedingungen das Fussballspielen erlernt hat, kann später auf jeder Unterlage spielen. Auch auf dem perfekten Rasen eines WM-Stadions.

Womit wir nun wieder beim eigentlichen Thema sind.

Das Panini-Fieber ist bei alt und jung ausbegrochen

Panini-Fieber im ganzen Land

Spätestens seit Anfang Mai, seit die Panini-Bilder da sind, gibt es in Ecuador praktisch nur noch zwei Themen: Panini-Bilder und die WM. Gross und Klein tauschen Bilder und unterhalten sich über zukünftige Helden und Verlierer. Auch bei uns in der Schule gibt es kaum ein Kind (oder eine Lehrperson), das nicht Bilder tauscht.

Ob in der Apotheke, in der Bank oder im Supermarkt: Gelb-Blau-Rot dominiert in den letzten Wochen alles. Fahnen, Ballone und Plakate überall deuten darauf hin: Es geht bald los. Und die Erwartungen an «la Tri» sind hoch.

Ganz Ecuador in Gelb

Am letzten Samstag hatte das grosse Warten ein Ende. Der erste Gegner Ecuadors: die Elfenbeinküste. Ein Team, von dem niemand so recht wusste, wie man es einschätzen soll.

Auf dem Weg ins Public Viewing (wir mussten zu Fuss gehen, da es – aus bekanntem Grund – keine Taxis gab) haben auch wir uns mit Ecuador-Shirts eingedeckt. Natürlich nicht mit den teuren Originalen, sondern mit den günstigen Kopien, die es überall am Strassenrand zu kaufen gab und mit denen momentan ganz Ecuador herumläuft.

Ob Kinder, Erwachsene, Säuglinge oder sogar Hunde: Praktisch jeder trug etwas Gelbes. Meistens jedoch etwas versteckt unter einer Jacke oder einem Pullover. Die Juni-Temperaturen in Cuenca haben leider nicht viel gemeinsam mit dem europäischen Sommer.

Drei Aluminiumtreffer und ein spätes K.o.

Wer dem ecuadorianischen Team beim Singen der Nationalhymne zuschaut, merkt sofort: Diese Jungs meinen es ernst – sie lieben ihr Land, sie spielen für ihr Land. Und sie wollen nur eins: gewinnen für ihr Land.

Und genau so ist Ecuador auch in die Partie gestartet. Jede gute Szene wurde vom Publikum euphorisch bejubelt. Einzig als kurz der ecuadorianische Präsident auf der Tribüne eingeblendet wurde, waren laute Buh-Rufe zu hören.

Die Stimmung wurde gegen Ende des Spiels jedoch immer ruhiger. Wäre das Tor nur wenige Zentimeter breiter oder höher gewesen, hätte Ecuador nicht drei Aluminiumtreffer verzeichnet, sondern wäre verdient in Führung gegangen. Aber wie eine alte Fussballweisheit sagt: Wenn du sie vorne nicht machst, bekommst du sie hinten.

Und so war es denn auch. Kurz vor Schluss erzielte die Elfenbeinküste das 1:0. Das Spiel war aus. Die Stimmung auch.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt: Mit einem deutlichen Sieg gegen Curaçao am nächsten Samstag wären die Chancen auf Platz 3 und somit auf eine mögliche Sechzehntelfinal-Qualifikation noch intakt. Denn an einen Sieg gegen Deutschland am 25. Juni glauben nur die grössten Optimisten.

Ein Weiterkommen wäre Ecuador von Herzen zu gönnen. Alles andere würde eine kleine Staatstrauer auslösen. Vamos, Ecuador. Wir bleiben dran.

Der nächste Nationalspieler wartet schon

Doch unabhängig davon, wie diese Weltmeisterschaft für «la Tri» endet: Die wahre Stärke des ecuadorianischen Fussballs zeigt sich nicht in den Stadien Nordamerikas, sondern täglich auf den Strassen, Schulhöfen und in den Parks des Landes. Dort, wo Kinder stundenlang einem Ball nachjagen, wo Familien gemeinsam spielen und jedes Tor mit einem lauten «Golazo!» bejubelt wird.

Wer weiss – vielleicht dribbelt der nächste Nationalspieler bereits heute irgendwo in einem Park in Cuenca zwischen Bäumen, Hunden und parkierten Autos hindurch, hat ein Panini-Album unter dem Arm und schiesst gerade das entscheidende Siegestor gegen seine Grossmutter. Immer mit dem grossen Traum vor Augen, spätestens in vier Jahren selbst für Ecuador an einer Weltmeisterschaft aufzulaufen.

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Silvan Meier, 18. Juni 2026


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