In Ecuador – wie zuvor schon in Thailand – können wir uns einen Luxus leisten, den wir uns in der Schweiz niemals hätten leisten können: eine Haushaltshilfe. Hier in Cuenca haben wir mit Rosa den Jackpot geknackt. Wie es dazu kam und warum wir das so sehr zu schätzen wissen, erzähle ich dir gerne.
Als wir 2020 in Thailand angekommen sind, haben alle Expats von ihren Maids, also den Haushaltshilfen, gesprochen. Für uns war klar: Das brauchen wir nicht, wir kriegen alles selbst hin. Ausserdem sollen unsere Kinder schon früh lernen, im Haushalt mitzuarbeiten. Eine Freundin aus einem sehr armen Land, deren Mutter ebenfalls als Haushaltshilfe arbeitet, brachte uns dann zum Umdenken:
„Seht es von der anderen Seite: Diese Leute, wie meine Mutter, sind extrem dankbar, wenn sie Arbeit haben. Es geht um ihre Existenz. Macht es für sie, weniger für euch.“
Und so haben wir in Thailand unsere erste Maid angestellt.
Von guten und schlechten Erfahrungen
Um es kurz zu fassen: Manchmal hatten wir mehr, manchmal weniger Glück. Da war zum Beispiel eine junge Frau aus Myanmar, die wie eine Göttin kochte und wie eine flinke Fee putzte. Als Maid arbeitete sie nur, um etwas Geld zu verdienen, weil sie während Covid ihren Marktstand schliessen musste. Als Covid vorbei war, war auch sie wieder weg.
Das ist eines der grossen Probleme mit Haushaltsangestellten: Es gibt keine Verträge, und von heute auf morgen sind sie ohne Begründung weg. In Thailand reichte manchmal schon ein kritischer Satz wie „Kannst du den Boden bitte etwas gründlicher reinigen?“ – was in ihren Augen sehr beleidigend und ehrverletzend wirken konnte.
Menschen vergessen leider schnell
Wir haben unsere Maids immer sehr fair, grosszügig und freundschaftlich behandelt. Das wurde anfangs auch geschätzt, vor allem dann, wenn wir Frauen dank einer Anstellung bei uns aus einer schwierigen Lebenssituation helfen konnten.
„Die Menschen vergessen leider sehr schnell, woher sie kommen“, warnte uns ein Freund mehrfach.
Wie wahr diese Aussage ist, mussten wir leider einige Male erfahren.
Einer Dame haben wir einmal ein Fahrrad ausgeliehen. Dieses wurde sehr bald gestohlen. Wir hatten grosses Mitleid und gaben ihr sofort ein zweites. Auch dieses wurde gleich am nächsten Tag gestohlen. Zufälligerweise kam am darauffolgenden Tag die Maid unserer Freunde mit genau diesem Fahrrad zur Arbeit – und wiederum zufälligerweise waren genau diese Maid und unsere Maid beste Freundinnen.
Spätestens in solchen Momenten merkt man: Ohne Vertrauen funktioniert eine Zusammenarbeit nicht.
Falsche Vorstellungen
Und dann war da noch die Dame, die abends auf unsere Kinder aufpassen und sie ins Bett bringen sollte. Wenn wir um zehn Uhr nach Hause kamen, sassen unsere Kinder hellwach vor dem Fernseher, während sie auf dem Sofa schlief. Sie hatte ihren Auftrag offensichtlich etwas anders interpretiert.
Oder die junge Frau, die ihren Lohn immer im Voraus ausbezahlt haben wollte. Kaum hatte sie das Geld in der Hand, war sie den Rest der Woche krank.
Auch hier in Cuenca haben wir anfangs eine junge Dame angestellt. Im Stundenlohn sollte sie dreimal pro Woche unsere Wohnung putzen. Das tat sie allerdings nur teilweise. Sie verrechnete jeweils vier Stunden pro Tag – verbrachte aber drei davon auf ihrem Handy. So hatten wir uns das zumindest nicht vorgestellt.
… und dann kam Rosa

Bei den Dreharbeiten zu „Adieu Heimat“ haben wir Rosa kennengelernt. Sie zeigte uns ihr bescheidenes Zuhause: ein dunkles Zimmer, in dem fünf Personen auf engstem Raum leben. Kein fliessendes Wasser, nur eine Gemeinschaftstoilette für mehrere Familien. Sie erzählte aus ihrem Leben – und vor allem von ihrer anstrengenden und undankbaren Arbeit auf dem Markt.
Rosas Geschichte hat uns tief beeindruckt.
Zu Weihnachten sind wir noch einmal bei ihr vorbeigefahren und haben ihr und ihrer Familie ein Paket mit Lebensmitteln geschenkt. Dabei erzählte sie uns, dass sie am Tag zuvor ihre Arbeit verloren hatte.
„Wenn du möchtest, kannst du in Zukunft für uns arbeiten“, sagte meine Frau.
Rosas Augen leuchteten. Das war wohl ein noch viel grösseres Weihnachtsgeschenk als die Lebensmittel.
Eine Win-win-Situation
Seit Januar ist Rosa nun der gute Geist in unserer Wohnung. Da Vero und ich beide zu 100 Prozent arbeiten, sind wir extrem froh, dass sie uns dreimal pro Woche beim Putzen und bei der Wäsche hilft. Und ihre Kochkünste sind beeindruckend – Rosa schafft es, aus einfachen Zutaten ein leckeres Menü zu zaubern.
In diesem Fall ist es tatsächlich eine echte Win-win-Situation.
Rosa weiss, woher sie kommt, und ist dankbar für ihre Arbeit. Sie weiss auch, wofür sie arbeitet: damit ihre drei Kinder ein besseres Leben haben, damit sie sich hoffentlich eines Tages ein grösseres Zimmer leisten kann – von einer eigenen Wohnung ist gar nicht erst die Rede – und damit ihre Kinder die Schule erfolgreich abschliessen.

Das ist unsere Rosa ohne die Hilfe von ChatGPT 😉
Was wäre wenn…
Manchmal frage ich mich, was aus Rosa – und all den anderen Haushaltshilfen – geworden wäre, wenn sie in einem anderen Land geboren worden wären. Mit Zugang zu guter Bildung und echten Perspektiven.
Wie viele Menschen auf dieser Welt sind gezwungen, eine Arbeit zu machen, die weit unter ihren Fähigkeiten liegt? Und wie viele Menschen werden von einem System getragen und gefördert, obwohl sie wenig dafür tun müssen?
Wir wissen, wie viel Glück wir mit ihr haben. Rosa ist ehrlich, pflichtbewusst und fleissig. Hoffentlich bleibt uns dieses Goldstück noch lange erhalten.
Gleichzeitig ist uns bewusst, dass dieser „Luxus“ zwei Seiten hat. Für uns bedeutet er mehr Zeit und weniger Stress im Alltag. Für Rosa ist diese Arbeit eine Existenzgrundlage – und die Hoffnung, dass ihre Kinder eines Tages bessere Chancen haben werden.
Es ist schön, dass wir uns diesen Luxus leisten können – und gleichzeitig dazu beitragen, dass eine Familie ein Auskommen hat.
Silvan Meier, 22.3.26
