Ein wichtiger Grund, warum wir nach Ecuador ausgewandert sind, ist, Land und Leute kennenzulernen. Vor allem möchten wir, dass unsere Kinder möglichst viel vom Leben und von der Kultur des Heimatlandes ihrer Mutter erfahren. Deshalb unternehmen wir oft Ausflüge, suchen den Kontakt zu den „Locals“ und sprechen mit den Menschen. Wir möchten uns ein möglichst echtes und authentisches Bild von Ecuador machen.
Dabei kommen wir schnell in Kontakt mit den Menschen und lernen viel Neues über andere Lebensweisen kennen. Es gibt schöne und spannende Begegnungen, die unseren Horizont erweitern. Dann gibt es aber auch andere Begegnungen, die eher ernüchternd ausfallen. Doch auch solche Erfahrungen sind wichtig – sonst würden wir die guten Begegnungen gar nicht erst erkennen und zu schätzen wissen.


Zwei Mal Shuar
Gerne möchte ich das anhand eines Beispiels verdeutlichen. In Ecuador gibt es unzählige indigene Völker. Eines davon sind die Shuar. Sie leben im Oriente, also im Dschungel Ecuadors. Viele von ihnen führen noch ein sehr einfaches, traditionsreiches Leben, eng verbunden mit ihren Werten und Wurzeln. Oder geben es zumindest vor.
Als wir in Tena waren, wurde uns ein Ausflug in ein Shuar-Dorf angeboten, um Einblick in ihr Leben zu erhalten. Wir bezahlten einen verhältnismässig hohen Preis für diesen Ausflug – mit dem guten Gedanken, ein indigenes Volk zu unterstützen. Erwartungsvoll bestiegen wir das Boot, das uns in den Dschungel bringen sollte.
Zu unserem Erstaunen waren wir jedoch schon nach wenigen Minuten Fahrt am Ziel.
„Es ist nicht das Dorf, in dem wir leben – wir haben es einfach für Touristen nachgebaut“, wurde uns erklärt.
Genau genommen war es nicht einmal ein Dorf. Es bestand aus drei improvisierten Hütten, einer Feuerstelle und einer Toilette.

Nur 10 Bootsminuten von der Stadt entfernt: Ein improvisiertes Dschungeldorf


„Bitte bezahlen“
In einer der Hütten erklärte man uns etwas über Speere und die Jagd. Dann kamen zwei Frauen und zwei Männer, die lustlos auf ihren Instrumenten ein traditionelles Lied spielten. Dazu wurde ein ebenso lustloser Tanz aufgeführt.
Es erinnerte eher an eine lieblos präsentierte Tanzshow in einem All-inclusive-Hotel.
Nach dieser eher bescheidenen Darbietung wurden ein paar Tiere herangeschleppt: ein Äffchen, ein junger Kaiman, eine verletzte Boa und ein Papagei. Fotos machen war erlaubt – allerdings nur gegen Bezahlung.
Und überhaupt: Wer mehr über das Dorf und die Lebensweise des Stammes erfahren wollte, konnte – wiederum gegen verhältnismässig viel Geld – ein Zusatzpaket buchen und einen Ausflug ins „echte“ Dorf machen.

Ende der Vorstellung.

1 USD pro Foto – für die Schlange sogar zwei


Eine wirklich andere Welt
Während der Karnevalsferien reisten wir nach Gualaquiza. Im Gegensatz zu Tena ist diese Kleinstadt im Dschungel alles andere als touristisch. Durch eine sorgfältige Internetrecherche – und nicht durch Strassenhändler, die Touren anbieten – wurden wir auf eine weitere Shuar-Community aufmerksam und besuchten sie.
Dort wurden wir von verschiedenen Mitgliedern der Community empfangen. Sie erklärten uns sehr anschaulich ihre Sorgen und Ängste: über das Leben im Dschungel, über ihre Kultur, die zunehmend verloren geht, und über ihren Lebensraum, der immer kleiner wird.
Wir erfuhren auch, wie junge Stammesmitglieder den Spagat zwischen dem Leben im Dschungel und einem Studium an der Universität meistern.
Sie erzählten von den strengen Traditionen und Werten der Shuar, die sie bis heute aufrechterhalten möchten. Und davon, wie sich das Leben vieler Communities verändert hat, seit Investoren in der Region Goldminen eröffnet haben.
Viele Shuar sind dem süssen Duft des Geldes gefolgt. Sie haben ihr Leben im Dschungel aufgegeben und führen heute ein fast bürgerliches Leben am Rand der Stadt – mit einer festen Anstellung in der Mine.

Der Guide erzählt über das (Über)Leben im Dschungel und die Jagd


Geister und Heilpflanzen
Besonders beeindruckend war eine kleine Wanderung durch den Regenwald. Doch bevor wir den Dschungel betraten, wurden uns Symbole ins Gesicht gemalt, die uns vor den Gefahren des Waldes schützen sollten.
Auf der Wanderung teilten verschiedene Mitglieder der Community ihr Wissen über das Leben im Dschungel mit uns: über Heilpflanzen und heilige Pflanzen, über die Jagd, die noch immer praktiziert wird, und über Tipps, wie man im Dschungel überleben kann.
Und ganz wichtig: der Respekt vor der Natur, vor den Geistern und vor allen anderen Geschöpfen des Waldes.
Wäre mein Buch nicht schon fertiggestellt gewesen, hätte ich gerne noch ein Kapitel über die Erziehung und die Werte dieser Shuar-Gruppe geschrieben. Sie leben in einer wirklich anderen Welt, die – gerade im Bereich der Erziehung – stark auf Disziplin, Respekt und Loyalität basiert.
Wie überall ist auch dort nicht alles perfekt. Aber wie überall können wir auch von ihnen vieles lernen.


Tradition oder Fortschritt?
Zwei Mal Shuar. Zwei Welten. Zwei völlig unterschiedliche Eindrücke.
Während die einen um jeden Preis ihre Kultur bewahren möchten, liegt für andere die Priorität darin, genügend Geld für ein neues Handy und einen modernen Lebensstandard zu verdienen.
Es liegt nicht an mir, über richtig oder falsch zu urteilen. Dass Menschen – ob im Dschungel oder in der Grossstadt – sich ständig weiterentwickeln und sich neuen Lebensumständen anpassen, ist völlig normal.
Es ist einfach spannend zu sehen, wie sich diese beiden Gruppen, trotz gemeinsamer Wurzeln, so unterschiedlich entwickelt haben und heute in ganz verschiedenen Welten leben.

(Mehr Infos über einen sehr empfehlenswerten Shuar-Besuch in Gualaquiza (Bio-Shuar, wo wir waren) findest du hier.)

Silvan Meier, 10. März 2026


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