Wir werden oft gefragt: Warum habt ihr Thailand, dieses Urlaubsparadies, verlassen und seid nach Ecuador ausgewandert? Einer der Hauptgründe: Wir haben die Berge und das Wandern vermisst. Und wir wollten, dass unsere Kinder mehr Natur statt Grossstadt erleben. Genau das haben wir in Ecuador gefunden. Ich nehme dich mit auf drei Wanderungen in die Berge rund um Cuenca.

Ein spontaner Ausflug nach Soldados
Eigentlich wollten wir an diesem Sonntag den Cerro Pescado, einen Berg mit wunderschönem Ausblick über Cuenca, besteigen. Doch wie so oft im Leben – und besonders in Ecuador – kam alles anders.
Da wir kein Auto hatten, nahmen wir den Bus. Als wir uns bei der Endstation bei einer Verkäuferin nach dem Weg erkundigten, meinte sie nur: „Viel zu weit – da müsst ihr den anderen Bus nehmen, der euch weiter hochbringt.“ Also nahmen wir den anderen Bus. Weil die Landschaft immer schöner wurde, entschieden wir uns spontan, im Bus sitzen zu bleiben und statt dem „Hausberg von Cuenca“ einen Ausflug nach Soldados zu machen, einem kleinen Bergdorf.
Der Bus fuhr allerdings nicht bis ganz nach oben. Also mussten wir wieder aussteigen und begannen, die Bergstrasse zu Fuss hochzulaufen. Bis eine Camionetta an uns vorbeirauschte. Wie in Südamerika üblich, gaben wir ein Handzeichen – und wenige Sekunden später sassen wir auf der Ladefläche dieses Pick-ups, der uns die Bergstrasse weiter hinauffuhr. Die letzten Kilometer mussten wir dann wieder zu Fuss gehen – was völlig in Ordnung war, denn eigentlich wollten wir ja sowieso wandern.
Am Ziel angekommen zeigte sich das Bergdorf von seiner schönsten Seite: strahlender Sonnenschein, grasende Kühe auf grünen Weiden, eine atemberaubende Bergkulisse und ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Ein Bergbach rauschte tosend ins Tal hinunter. Hätten wir nicht am Abend Tickets für ein Fussballspiel in Cuenca gehabt, hätten wir dort oben wohl völlig die Zeit vergessen.
Der Rückweg ins Tal war zwar nicht komfortabler, dafür unkomplizierter: Auf der Ladefläche einer anderen Camionetta wurden wir direkt nach Cuenca gefahren – und waren sogar pünktlich zum Anpfiff im Stadion.

Wandern ohne Wanderwege
Der zweite Ausflug verlief ganz anders. Unsere Kinder waren zu einer Geburtstagsparty in Gualaceo eingeladen, etwa eine Stunde von Cuenca entfernt. Da die Feier den ganzen Tag dauerte, nutzten Vero und ich die Gelegenheit, die Berge rund um die Stadt zu erkunden. Wir hatten ein Mietauto, was uns viel Freiheit gab.
Im Gegensatz zur Schweiz kann man in Ecuador jedoch nicht einfach auf jeden Hügel oder Gipfel hochwandern. Die Ecuadorianer sind kein klassisches Wandervolk. Es fehlt oft an Wegbeschreibungen – und vor allem an Wanderwegen. Seilbahnen oder Bergrestaurants mit Kaffee und heissem Apfelstrudel sucht man hier ebenfalls vergeblich.
Als wir einen Berg mit einem Gipfelkreuz entdeckten, war für uns klar: Da waren schon Menschen – also kann man hier wohl auch hinauf. Zugegeben: In der heissen Mittagssonne am Äquator macht das Hochwandern wenig Spass. Die Landschaft erinnerte uns stark an das Appenzellerland – nur in viel grösseren Dimensionen. Und ohne Berggasthäuser an jeder Ecke.
Als wir den Gipfel erreichten, wurden wir für die Strapazen belohnt: nicht nur durch das wunderschöne Panorama, sondern vor allem durch diese besondere Ruhe. Vielleicht lag es auch daran, dass wir einmal ohne Kinder unterwegs waren – und niemand alle paar Minuten fragte: „Wie weit noch?“ oder „Wann gibt es etwas zu essen?“
Hier oben spürten wir genau das, was wir in Thailand vermisst hatten: die Magie und die Anziehungskraft der Berge. Kein Wunder, dass in vielen Kulturen Berge als heilige Orte gelten. Auch in der Bibel wird immer wieder erwähnt, wie etwa Moses oder Jesus auf Berge gingen, um zu beten. Da wir jedoch keine Heiligen sind, nutzten wir die Ruhe einfach für ein kleines Nickerchen. Spätestens bei der Geburtstagsparty, wenn wir die Kinder wieder abholen würden, würde uns der Lärm ohnehin wieder einholen.

Endlich auf dem Cerro Pescado
Der Cerro Pescado, der Hausberg von Cuenca, liess uns jedoch keine Ruhe. Deshalb machten wir uns am folgenden Tag erneut auf den Weg in diese Richtung – diesmal direkt und ohne Umsteigen oder Camionetta-Abenteuer, sondern bequem mit dem Mietauto.
Zum ersten Mal seit unserer Zeit in Ecuador führte uns die Wanderung durch einen richtigen Tannenwald – und das auf über 3000 Metern Höhe. Da kamen fast schon Heimatgefühle auf. Auf etwa 3500 Metern erreichten wir die Waldgrenze und wurden mit einem herrlichen Panoramablick über die Andenlandschaft belohnt.
Die Stille wurde allerdings immer wieder von denselben Sätzen unterbrochen: „Wie weit noch?“ – „Wann gibt es endlich etwas zu essen?“ – „Ich habe keine Lust mehr!“ Jeder, der schon einmal mit Kindern wandern war, kennt diese Kommentare wahrscheinlich nur zu gut.
Auf einem überraschend guten Wanderweg erreichten wir schliesslich den Gipfel auf rund 3600 Metern. Der Ausblick auf Cuenca und die umliegenden Berge war fantastisch. An ein entspanntes Gipfel-Nickerchen war diesmal allerdings nicht zu denken: „Wann gehen wir endlich wieder runter? Ich möchte Pokémon spielen! Ich gehe nie wieder wandern!“ Kennst du das?

Warum wir trotzdem weiterwandern
Irgendwann kommt der Tag, an dem auch unsere Kinder die Natur lieben lernen und die Ruhe und die Magie der Berge zu schätzen wissen. Vielleicht spätestens dann, wenn sie selbst einmal Kinder haben und etwas Ruhe brauchen.
Genau deshalb gehen wir wandern. Genau deshalb sind wir von Thailand nach Ecuador ausgewandert. Auch wenn es manchmal etwas zäh ist – wir bleiben dran.

PS: Ein weiterer Artikel (und einer meiner Lieblings-Artikel in diesem Blog) zum Thema Wandern findest du hier: Cajas Nationalpark

Silvan Meier / 10. März 2026


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