Wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass mir einmal jemand mit einem rohen Hühnerei über den Körper fährt, um meine negativen Energien zu entfernen, hätte ich vermutlich gelacht. In Thailand gingen wir, wenn wir uns müde und kraftlos fühlten, zur Thai-Massage. In Ecuador sind Massagen weniger populär. Dafür gibt es hier energetische Reinigungen – mit Heilkräutern, Düften und eben: einem rohen Hühnerei.
Ist das bloss Aberglaube, oder bringt es tatsächlich etwas?

Eine uralte Tradition mit neuen Einflüssen


Die Tradition der Limpias im ecuadorianischen Hochland ist uralt – vermutlich mehrere tausend Jahre. Das Ritual hat sich in dieser Zeit nur wenig verändert. Durch den Einfluss der Spanier sind jedoch christliche Elemente dazugekommen: Teilweise wird mit Gebeten oder christlichen Symbolen wie Kreuzen gearbeitet. Das Ziel ist aber immer dasselbe: Körper und Geist von schlechten Energien zu befreien, damit man sich besser, leichter – und vor allem weniger gestresst – fühlt.


Kräuter, Gebete und ein Ei


Von aussen wirkt das Ganze oft etwas befremdlich. Die Heilerinnen (meist sind es indigene Frauen) streichen mit einem Bündel ausgewählter Kräuter den ganzen Körper von oben bis unten ab. Dabei murmeln sie Gebete oder machen zischartige Geräusche. Oft kommen Rasseln oder andere Geräuschquellen zum Einsatz, um alles Negative zu vertreiben. Verschiedene Kräuteröle werden auf den Körper gesprüht und eingeatmet. Anschliessend fahren sie mit einem rohen Ei über den ganzen Körper. Dieses soll die negativen Energien aufnehmen. Danach wird das Ei aufgeschlagen und in ein Glas mit Wasser gegeben. Anhand des Eiweisses liest die Heilerin den Gesundheitszustand und die Energien des Patienten. Was für uns schnell nach Aberglaube klingt, ist hier weit verbreitet – und wird ernst genommen.

Das „Werkzeug“ für die Limpia


Mitten im Alltag: Limpias auf dem Markt


Limpias können praktisch überall durchgeführt werden. Beliebt sind spirituelle Orte, etwa auf einem Berg oder Hügel. Häufig finden sie jedoch mitten auf dem Markt statt. In Cuenca trifft man jeden Dienstag und Freitag Heilerinnen an, die auf öffentlichen Plätzen oder direkt im Markt ihre Kunst anbieten. Was mich besonders erstaunt hat: wie oft dieses Angebot genutzt wird – und wie viele Eltern ihre Kinder zur Reinigung bringen. Die Menschen hier scheinen von der Wirkung dieser Limpias überzeugt zu sein.


Drei Reinigungen, drei Erfahrungen


Natürlich wollte ich wissen, wie sich eine Limpia anfühlt. Inzwischen habe ich mich drei Mal „reinigen“ lassen: einmal im Innenhof eines alten Klosters, einmal auf einem Hügel und einmal auf dem Markt. Die Erfahrungen hätten unterschiedlicher kaum sein können.


Die Limpia im Kloster


Die Frau im Kloster war von Beruf Anwältin. Am Wochenende bietet sie diese Heilungen an. Sie habe die Gabe des Heilens von ihrer Mutter gelernt und wolle damit anderen Menschen helfen – aus voller Überzeugung, etwas Gutes zu tun. Entsprechend angenehm war auch die Erfahrung. Ich fühlte mich ernst genommen, hatte das Gefühl, dass sie mit ihren Gedanken ganz bei mir war und wirklich alles tat, damit es mir besser ging. Bei der Interpretation des Hühnereis sagte sie nach längerer Betrachtung: „Du hast gute Energien. Du bist gesund.“
 Ich habe mich danach tatsächlich leicht und lebendig gefühlt.

eine unscheinbare, ruhige Ecke im Kloster für die Limpia


Die Limpia auf dem Hügel


Die zweite Erfahrung auf dem Hügel machte ich mit einer jungen indigenen Frau. Auch sie hatte die Kunst von ihrer Mutter gelernt. Die Kulisse – mitten in der Natur, am Feuer – hätte schöner nicht sein können. Bei der Interpretation des Eis machte sie jedoch sehr allgemeine Aussagen: „Hast du manchmal Rückenschmerzen?“ oder „Schläfst du manchmal nicht gut?“ Das wirkte auf mich etwas billig und oberflächlich. Die Frau war allerdings so herzlich, dass ich brav mitspielte – vielleicht auch, um ihr einfach ein gutes Gefühl zu geben. Trotzdem hatte ich danach nicht den Eindruck, dass ich leichter den Berg hinunter- als hinaufgelaufen wäre.


Die Limpia auf dem Markt


Auf dem Markt war viel los. Eigentlich war ich nur dort, um für diesen Artikel Fotos zu machen und zu recherchieren. Trotzdem setzte ich mich spontan hin, um eine Limpia auszuprobieren. Zwischen Früchten, rohem Fleisch und etwa sieben anderen Heilerinnen nahm ich Platz. Wo sie die Limpia gelernt habe, fragte ich die „Heilerin“.
 „In einem Kurs“, war ihre knappe Antwort.
Dann ging es los: liebloses Kräuterwedeln, ein paar Zischgeräusche, das Ei kurz über den Körper geführt – und anschliessend die Interpretation des Eis: „Du bist gestresst. Drei Dollar, bitte. Fertig.“
„Schon fertig?“
 „Fertig.“
Das war es. Eine Abfertigung. Zwanzig bis dreissig Personen fertigt sie so pro Tag ab. Das ergibt – für ecuadorianische Verhältnisse – einen guten Monatslohn.


Was bleibt – und was nicht


Ganz ehrlich: Eine gute Thai-Massage oder dreissig Minuten Joggen in einem Schweizer Wald haben mich mehr entspannt als diese drei Limpias zusammen. Trotzdem respektiere ich diese Tradition und möchte nichts Negatives darüber sagen. Wenn eine Tradition so lange überlebt hat, kann sie nicht völlig wirkungslos oder falsch sein. Vielleicht lag es an mir – daran, dass ich mich zu wenig darauf eingelassen habe, zu neugierig oder zu skeptisch war. Spannend waren alle drei Erfahrungen auf ihre Weise.


Mein ganz persönliches Fazit


In Zukunft werde ich diese drei (Markt), fünf (Anwältin) oder zehn (Berg) Dollar jedoch lieber einem Bettler geben. Zu wissen, dass dieses Geld dort ankommt, wo es wirklich gebraucht wird, gibt mir persönlich das beste Gefühl. Dafür brauche ich keine Zischgeräusche und auch keinen Kräuterwedel. Und mit dem Ei mache ich mir lieber ein Spiegelei. Das hilft zwar nicht gegen Stress – aber immerhin gegen Hunger.

Oder eben doch?


Eigentlich wäre der Artikel nach dem letzten Abschnitt fertig gewesen. EIgentlich – mit Betonung auf Ei. Wenn nicht gestern folgende Geschichte passiert wäre:
Unser Sohn hatte nach dem Mittagessen starke Bauchkrämpfe, Durchfall und wälzte sich vor Schmerzen. Eine ecuadorianische Freundin war bei uns zu Besuch. Natürlich hat sie das alles mitbekommen und bat meine Frau um ein rohes Hühnerei. „Glaubst du daran?“, fragte sie. Dann fuhr sie unserem Sohn mit dem Ei mehrfach über den ganzen Körper. Anschließend schlug sie das Ei auf und gab es in ein Glas. Das Eiweiß war ganz trüb und undurchsichtig. „Siehst du?“, sagte sie nur.
Etwa dreißig Minuten später war unser Sohn wie neu geboren. Eine Stunde später ging er sogar ins Leichtathletiktraining – als wäre nie etwas gewesen. Natürlich kann das Zufall gewesen sein, oder einfach der Moment, in dem sein Körper sich erholt hat. Aber es war beeindruckend. Und es hat mich zumindest daran erinnert, wie vorsichtig man sein sollte, wenn man etwas vorschnell als Unfug abtut.
Vielleicht muss ich mein Fazit also doch noch einmal überdenken. Solange es keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise gibt, die die Limpia klar widerlegen – und solange sie niemandem schadet –, sehe ich keinen Grund, sie nicht zu respektieren. Und wer wEIß: Vielleicht ist ja wirklich etwas dran.


Posted

in

by

Tags:

Newsletter abonnieren

Geben Sie unten Ihre E-Mail-Adresse ein, um Updates zu erhalten.

Entdecke mehr von Silvan Meier

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen