Karneval in Ecuador bedeutet vor allem eines: Wer trocken bleibt, war nicht dabei. Mit der Fasnacht in der Schweiz oder in Deutschland hat dieses Fest nur wenig gemeinsam. Hier verschmelzen christliche Traditionen mit indigenen Bräuchen – und heraus kommt ein Karneval, der weniger feucht-fröhlich als vielmehr klatschnass und ausgelassen ist.


Gemeinsamkeiten mit der Schweiz – und ein grosser Unterschied
Drei grosse Gemeinsamkeiten gibt es dennoch zwischen dem ecuadorianischen Karneval und jenem in der Schweiz: Es wird laut und intensiv gefeiert, es gibt grosse Umzüge, und er findet ungefähr zur gleichen Zeit statt. Das hat seinen Grund – es ist das letzte Mal vor der Fastenzeit, dass noch einmal so richtig ausgelassen gefeiert wird.


Der grosse Unterschied liegt jedoch in der Art des Feierns. Statt Konfetti und Guggenmusik dominieren hier Wasser und Schaum – und zwar in rauen Mengen. In Ecuador spritzt man sich gegenseitig nass: aus Eimern, mit riesigen Wasserpistolen, mit dem Gartenschlauch. Alles ist erlaubt. Und niemand ist davor geschützt. Von Hausdächern wird „geschüttet“, in offene Autofenster gespritzt, Wasserballone fliegen durch die Luft… Niemand bleibt trocken.


Dazu kommt, dass man sich gegenseitig mit Mehl, Schlamm oder farbigem Pulver besprüht oder einreibt – rohe Eier inklusive. Grenzen gibt es fast keine. Trotzdem gibt es für mich persönlich irgendwo eine Grenze. Und diese liegt vor allem bei den kalten Temperaturen im Andenhochland. Dort macht das Ganze (wenigstens für mich) nur begrenzt Spass.

Flucht in die Wärme
Deshalb sind wir über die Karnevalstage in den Oriente geflüchtet, nahe an die Grenze zu Peru. In der tropischen Hitze ist es wenigstens angenehm, wenn man mit kaltem Wasser bespritzt wird. Denn vermeiden kann man es sowieso nicht.

Hier (in Gualaquiza) haben wir verschiedene Karnevals erlebt. Die ausgelassenste und farbenfrohste Party erlebten wir am Ufer eines Flusses. Schön war, wie wir sofort in Kontakt mit den „Locals“ kamen, mit ihnen gegessen, getrunken und gefeiert haben. Nirgendwo werden Fremde so schnell zu Freunden wir in Ecuador.


Ganz nebenbei bekämpfen wir hier, am Rande des Amazonas, auch unser Heimweh nach Thailand. Dort gibt es jeweils Mitte April das Wasserfest Songkran – mit riesigen Strassenschlachten, ganz ähnlich wie hier in Ecuador. Mit einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied: Dort sind es 35 bis 40 Grad. In Cuenca hingegen herrschen momentan eher kühle 10 bis 15 Grad – und es regnet sowieso ständig.

Warum eigentlich Wasserschlachten in der Kälte?
Wie kommt man also in Ecuador auf diese – sagen wir vorsichtig – mutige Idee, mitten in der kühlen Jahreszeit Wasserschlachten zu veranstalten? In Thailand ist das einfach zu erklären. Aber hier?
Ursprünglich geht der Brauch offenbar auf ein indigenes Fruchtbarkeits- und Reinigungsritual zurück, bei dem Wasser eine zentrale Rolle spielte. Fruchtbarkeit, Reinigung und Wasser – das passt. Dieses Ritual vermischte sich später mit dem europäischen Karneval vor der Fastenzeit. Und so entstand die Wasserschlacht im Februar.

Von Wasser zu Schaum
Wie alles im Leben hat sich auch dieser Brauch verändert. Heute wird neben Wasser vor allem eines versprüht: Schaum. Sehr viel Schaum. Entweder an grossen Schaumpartys mit professionellen Schaumkanonen – oder, bei Jung und Alt besonders beliebt, mit Schaum aus der Dose.
Abgesehen von Greenpeace und WWF finden das eigentlich alle ziemlich lustig. Allen voran auch unsere Kinder, die gar nicht genug davon bekommen können.

Schwein muss sein
Neben den freiwilligen – oder eben unfreiwilligen – Wasser- und Schaumpartys gehört noch ein weiterer kultureller Brauch zum Karneval: Schwein essen. Am liebsten als Fritada.
Vor allem im Süden des Landes sieht man am Strassenrand ganze geschlachtete Schweine, deren Haut zuerst knusprig angebrannt wird. Anschliessend wird das Fleisch herausgeschnitten und in grossen Pfannen lange frittiert – daher der Name Fritada. Serviert wird das Ganze mit Kartoffeln und Mais. Es schmeckt hervorragend. Auch Brot mit einem süssen Aufstrich wird nach den Wasserschlachten oft gemeinsam verspeist. Wenn diese ganze Spritzerei nicht wäre, könnte deshalb von mir aus das ganze Jahr Karneval sein.
Auch diese Tradition hat einen religiösen Hintergrund. Vor der Fastenzeit wird der Bauch noch einmal so richtig mit Fleisch und Süssem gefüllt.

Ein Fest das verbindet
Wer sich also weder über Wasser, Schaum, Schlamm, farbiges Pulver noch rohe Eier freuen kann, hat immerhin eines: gutes Essen. Und spätestens bei einer Portion Fritada, mit fettigen Fingern und vollem Bauch, vergisst man für einen Moment, dass man eigentlich komplett durchnässt ist.
Karneval in Ecuador ist vielleicht nicht immer bequem – aber definitiv ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst. Er bringt die Menschen zusammen, er verbindet. Für ein paar Tage spielt es keine Rolle, ob man alt oder jung, arm oder reich ist. Wenigstens während des Karnevals sind alle gleich. Zwar klitschnass. Aber gleich.

Silvan Meier, 15. Feb. 2026


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