Kein Land ist in seiner Vielfalt so einzigartig wie Ecuador. Mit seinen vier völlig unterschiedlichen Regionen – Galápagos, Küste, Sierra und Oriente – bietet dieses Land auf relativ kleinem Raum eine Abwechslung und Diversität, wie man sie kaum anderswo findet. Je älter ich werde (siehe Artikel 28), desto bewusster wird mir das – und desto mehr weiss ich es auch zu schätzen. Und zu geniessen.

Mindo – damals und heute


Wenn ich über jedes Reiseerlebnis hier in Ecuador einen Text schreiben würde, hätte ich vermutlich keine Freizeit mehr. Deshalb beschränke ich mich auf zwei Reisen, die wir zwischen Weihnachten und Neujahr unternommen haben. Beide führten uns die Anden hinunter: die eine westlich nach Mindo, die andere östlich Richtung Amazonasgebiet.
Mindo liegt im Nebelwald und ist nur rund zwei Stunden von der Hauptstadt Quito entfernt. Das letzte Mal war ich vor 23 Jahren dort – damals noch mit Vero als meiner Freundin. Dieses Mal mit ihr als meiner Frau – und mit unseren beiden Kindern.
 2002 war Mindo ein kleines Dorf mit zwei schlammigen Strassen und ein paar einfachen Holzunterkünften. Heute ist es eine echte Touristenattraktion mit modernen Hotels, schicken Restaurants, Souvenirshops und unzähligen Freizeitangeboten. Ich hätte diesen Ort kaum wiedererkannt. Was geblieben ist: eine wunderschöne Natur, ein wilder Fluss – und all diese Vögel, die man halt wirklich nur in Mindo sieht.

Von Kolibris und anderen Paradiesvögeln


Zwar haben mich Vögel früher nie besonders interessiert. Aber wenn einem plötzlich diese farbigen Kolibris wie kleine Drohnen um die Ohren schwirren und man beobachten kann, wie sie mit ihren langen Schnäbeln im Flug elegant Nektar aus den Blüten saugen, dann stellt sich automatisch ein Glücksgefühl ein.
 Neben Kolibris entdeckt man unzählige weitere Vögel in allen Farben und Formen. Sie singen, fliegen und flattern in einer Welt aus riesigen Bäumen und leuchtenden Blumen. Das Ganze erinnert ein wenig an die Avatar-Filme.

Leuchtende Skorpione


Apropos leuchtend: Besonders beeindruckend war eine Nachtsafari durch den Nebelwald. Im Regen, ausgerüstet mit starken Taschenlampen, liefen wir mit einem Guide durch den Wald und entdeckten dabei allerlei Insekten, Frösche und sogar Schlangen.
 Das Faszinierendste: Pflanzen, die völlig unscheinbar wirken, beginnen plötzlich hell zu leuchten, wenn man sie mit UV-Licht anstrahlt. Mit UV-Licht lassen sich auch Skorpione finden. Auch sie erinnern – zumindest in diesem Licht – an Avatar. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie nur etwa fünf Zentimeter gross sind.

Skorpion – einmal im UV-Licht, einmal im Licht der Taschenlampe

Quito unter Asche


An meinen ersten Besuch in Mindo habe ich noch ganz andere Erinnerungen. Als wir damals, 2002, abends mit dem Bus nach Quito zurückfuhren, kam der Verkehr plötzlich zum Stillstand: Ein Vulkan in der Nähe war ausgebrochen. Die Aschewolke wurde vom Wind dummerweise genau in Richtung Quito getragen, sodass die Hauptstadt buchstäblich unter einer dicken Ascheschicht begraben wurde. Drei Tage lang herrschte Ausnahmezustand. Schulen, Supermärkte – alles war geschlossen.

Schweizer Volksmusik im Poncho


Auch an Baños, einen wunderschönen Ort auf der östlichen Seite der Anden, habe ich spezielle Erinnerungen. Mit einem Schweizer Freund besuchte ich 2002 eine Bar, in der auf der Bühne einige Indígenas mit Ponchos und Panflöten traditionelle Volksmusik spielten. Es kann gut sein, dass damals etwas Alkohol in unserem Blut war – jedenfalls stiegen wir spontan auf die Bühne, baten die Musiker um ihre Instrumente und Ponchos und gaben dem Publikum ein paar Schweizer Volkslieder zum Besten.
 Ob das alle so lustig fanden wie wir, weiss ich nicht mehr. Wir hatten jedenfalls sehr viel Spass.

Alles fliesst Richtung Amazonas


Bei diesem Besuch, 23 Jahre später, war es vor allem die Natur, die mich begeistert hat. Die Städte Baños, Puyo und Tena gehören alle zum Einzugsgebiet des Amazonas. Entsprechend findet man in der Umgebung riesige Wasserfälle, grosse Flüsse und tiefe Schluchten – und eine unglaubliche Artenvielfalt an Tieren.


Die lokale Spezialität nennt sich Maito: Fisch, der in Bananenblättern über dem Feuer gegart wird. Weniger appetitlich (auch wenn sehr gesund) sind riesige Käferlarven, die in Bäumen leben. Sie werden an Spiessen gebraten oder roh gegessen. Wenn ich die Wahl zwischen einem Big Mac und diesen Larven hätte – ich glaube, ich würde mich für den Big Mac entscheiden.

Kleider, die Energie nehmen – oder eben geben


Auf einem Markt trafen wir Verkäuferinnen mit traditionellen Kleidern, Federschmuck und bemalten Gesichtern. Zuerst dachte ich, das sei nur für die Touristen. Ich sprach eine Verkäuferin darauf an.
„Ich trage manchmal auch normale Kleider“, sagte sie. „Aber normale Kleider haben eine schlechte Energie für mich. Die Kleider meines Volkes geben mir Energie.“
Dass Kleidung Energie rauben kann, auf diesen Gedanken wäre ich nicht gekommen. Wenn man jedoch bedenkt, wie unsere Kleider hergestellt werden – teilweise von Kinderhänden in riesigen Nähereien, unter unwürdigen Bedingungen – dann steckt da vermutlich tatsächlich nicht die beste Energie drin. Und wenn man zusätzlich an all die Chemikalien denkt, die bei der Produktion eingesetzt werden, muss ich dieser Frau wohl recht geben.
Das heisst nicht, dass ich meine Jeans nun gegen einen Bastrock eintausche. Aber ich finde es immer wieder spannend, was man lernt, wenn man unterwegs ist und mit Menschen spricht. Man muss nicht alles gut finden – doch der Austausch, das Lernen voneinander und das Hinterfragen der eigenen Sichtweise sind ungemein bereichernd.

gleiche Pflanze – einmal im UV Licht, einmal mit Taschenlampfe fotografiert

Affe, Käfer-Larven und Maito (Fisch in Bananenblättern). Nur der Affe wird nicht gegessen 😉

Silvan Meier, 13.1.2026


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