Wie merkt man, dass man näher bei 50 als bei 20 ist? Wenn man statt einer Party am Samstagabend einen Brunch am Samstagmorgen organisiert. So habe ich es auf die Einladung zu meinem Geburtstags-Brunch geschrieben. Und ganz ehrlich: Es stimmt.
Geburtstag zu haben ist schön. Zwar ist die Vorfreude nicht (mehr) so gross wie bei einem meiner Schüler, einem Drittklässler, der genau einen Tag nach mir Geburtstag hat. Seit Mitte Dezember kommt er jeden Morgen schon früh strahlend zu mir und sagt:
„Silvan, bei mir sind es noch 28 Tage bis zum Geburtstag – bei dir nur noch 27.“
Definitiv: Als Kind hat man ein ganz anderes Verhältnis zum Geburtstag. Und das ist auch gut so.
Dass ich wirklich nicht mehr der Jüngste bin, hat mir ein Arztbesuch kurz vor Weihnachten bestätigt: starke Arthrose in der Schulter. Und die ist im Alltag richtig schmerzhaft. Wie sagte schon mein Grossvater:
„Jeder Tag, an dem ich ohne Schmerzen aufwache, ist ein guter Tag.“
Oh mein Gott – bin ich wirklich schon so weit?
Wer sein Alter akzeptiert und nicht zu lange darüber nachdenkt, lebt bestimmt einfacher. Man wird ja glücklicherweise auch erfahrener und gelassener, sieht Probleme distanzierter und entwickelt neue Interessen. Trotzdem gibt es Veränderungen, die sich nicht wegdiskutieren lassen.
Wie merkt man, dass man älter wird?
Ein paar Gedanken und Geschichten, die natürlich nicht ganz ernst gemeint sind – im Kern aber doch ein bisschen wahr. Vielleicht erkennt Ihr Euch darin wieder:
Früher haben mich die Leute auf Reisen oft gefragt, ob sie ein Foto von mir machen dürfen. Ob es meine Schönheit, meine Grösse oder sonst etwas Exotisches war, weiss ich nicht.
Heute werde ich immer noch angesprochen. Nur heisst es jetzt:
„Wow, deine Kinder sind so hübsch – dürfen wir ein Foto von ihnen machen?“
Immer öfter sagt mein jüngerer Sohn:
„Papa, du hast so viele graue Haare.“
Bisher hat meine Antwort „Das sieht nur so aus, weil die Sonne direkt in meine Haare scheint“ ganz gut funktioniert. Abends zu Hause funktioniert sie nicht mehr. Ich befürchte, er hat recht.
Dass ich definitiv nicht mehr 20 bin, merke ich, wenn ich die Serviertochter frage:
„Kannst DU mir bitte noch ein Bier bringen?“
, und sie antwortet:
„Gerne bringe ich IHNEN noch eines. Aber wäre ein Kamillentee nicht besser für SIE?“
Heute gehe ich samstags um die Zeit ins Bett, zu der ich früher ausgegangen bin.
Und sonntags stehe ich um die Zeit auf, zu der ich früher nach Hause gekommen bin (und schreibe ein Buch über Erziehung).
Ein klares Indiz.
Früher war es kein Problem, eine Nacht durchzumachen. Heute ist es ein Problem, eine Nacht durchzuschlafen.
Wenn ich meinen Kindern auf dem Spielplatz beim Spielen zuschaue, bekomme ich Schulter- und Knieschmerzen – nur vom Zuschauen.
Wenn der Arzt sagt: „Das ist normal in Ihrem Alter“, ist das sicher nicht böse gemeint, hebt aber auch nicht gerade die Stimmung.
Und wenn der Augenarzt meint: „Es ist höchste Zeit für eine Gleitsichtbrille“, weiss man ebenfalls, wo man im Leben steht.
In jungen Jahren gab es Spiegeleier mit Speck zum Frühstück.
Heute sind es Haferflocken mit Chia- und Leinsamen, begleitet von einem grünen Smoothie. Man möchte ja gesund bleiben – fürs Alter.
Man merkt, dass man älter geworden ist, wenn man plötzlich anfängt, die Aussagen der Grosseltern zu verstehen.
(Genau so, wie man erst dann die Aussagen der Eltern versteht, wenn man selbst Kinder hat.)
Früher habe ich Krafttraining und Ausdauersport gemacht, damit die Muskeln für die Badi bereit waren.
Heute sind es Yoga und Pilates. Damit ich beweglich bleibe. Fürs Alter.
Wenn man der Einzige ist, der Nachrichten mit dem Zeigefinger auf dem Handy tippt, während alle anderen mit zwei Daumen schreiben, ist das ebenfalls ein klares Signal.
Früher war ich bei Elterngesprächen in der Schule der Jüngste – ausser, wenn Kinder dabei waren.
Heute ist es genau umgekehrt.
Damals, in den guten alten Zeiten, habe ich Rockmusik gemacht, mit dem Ziel, schöne Frauen zu beeindrucken (und sie für mich zu begeistern).
Heute singe ich mit Drittklässlern „Mein Hut, der hat drei Ecken“ – mit dem Ziel, sie für Musik zu begeistern.
So verändern sich die Ziele im Leben.
Die Liste könnte noch beliebig weitergehen. Aber je älter man wird, desto sorgsamer geht man mit seiner Zeit um. Man weiss ja nie, wie viel einem noch bleibt.
Ein Satz meiner ehemaligen Nachbarin begleitet mich bis heute. Sie war die Zufriedenheit in Person – auch mit 94 Jahren. Ihr Satz lautete:
„Jedes Alter ist ein gutes Alter!“
Einverstanden. Aber wenn im vollen Bus ein Kind aufsteht und mir höflich seinen Sitzplatz anbietet, habe ich ehrlich gesagt doch ein Problem damit.
Das Pyjama 2026 (leider gibt es kein Foto davon)
Zum Abschluss noch ein kleiner Witz übers Alter, über den ich als 20-Jähriger laut gelacht habe. Gott sei Dank kann ich auch heute, mit 48, noch darüber lachen:
Die Oma möchte den Opa verführen.
Sie liegt splitternackt auf dem Bett und haucht:
„Schau, das ist der neuste Trend. Das habe ich extra für dich angezogen. Ich nenne es Pyjama 2026. Wie gefällt es dir?“
Der Opa schaut sie verwundert an und meint:
„Eigentlich ist er ganz schön, dein Pyjama 2026.
Nur bügeln solltest du ihn wieder einmal.“
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Auf „Daumen hoch“ und „Likes“ verzichte ich.
Aus diesem Alter bin ich draussen. 😉
Silvan Meier, 16. Jan. 2026
