Wer am Silvesterabend mit dem Auto auf Ecuadors Straßen unterwegs ist, muss damit rechnen, mit erheblicher Verspätung am Ziel anzukommen. Und wenn man nicht genügend Kleingeld dabeihat, kann es noch deutlich später werden – denn es kann jederzeit zu einem spontanen Tänzchen mitten auf der Straße mit ein paar Witwen in ausgelassener Partylaune kommen.
Polizisten in Flammen
Ein Tänzchen auf der Straße mit Witwen in Partylaune? Ja, jedes Land hat eben seine eigenen Silvestertraditionen. Wenn ich die Zeitungsschlagzeilen aus Europa lese, in denen vor allem vom Abfeuern von Böllern oder gezielter Gewalt gegen Polizisten die Rede ist, schäme ich mich ehrlich gesagt richtig für das Verhalten gewisser Menschen. Ob es hier in Ecuador ebenfalls zu Attacken gegen Polizisten kommt, weiß ich nicht. Zwar werden hier am Silvesterabend Polizisten verbrannt. Doch sie sind dabei stets in guter Gesellschaft: Neben ihnen brennen auch riesige Comicfiguren, Superhelden oder alle anderen erdenklichen Arten von Pappe-Puppen. Besonders beliebt ist das Verbrennen von Politikerfiguren – allen voran vom Präsidenten. Es handelt sich dabei jedoch keineswegs um eine Attacke, sondern um eine über hundert Jahre alte Tradition, die mit einem deutlichen Augenzwinkern zu verstehen ist.

Verkaufsstand mit Pappe-Puppen: Die Figuren können teilweise über 2 Meter hoch sein
Das Negative verbrennen
Am 31. Dezember um Mitternacht werden diese Figuren auf Straßen, Plätzen oder vor Häusern verbrannt. Zuvor schreiben viele Menschen Zettel mit Erlebnissen, Sorgen, Fehlern oder Enttäuschungen des vergangenen Jahres und legen sie in die Puppen. Mit dem Feuer soll all das losgelassen werden, was man nicht ins neue Jahr mitnehmen möchte. Dazu wird – wie könnte es in Ecuador anders sein – getanzt, gesungen und gefeiert.
Die Tradition des Año Viejo – so nennt man diese Pappe-Puppen – hat ihren Ursprung in Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors. Während der Gelbfieber-Epidemien des 19. Jahrhunderts wurden dort aus hygienischen Gründen Kleidung und Gegenstände von Verstorbenen verbrannt. Was als Schutzmaßnahme begann, wandelte sich im Laufe der Zeit zu einem symbolischen Ritual: Das Alte wird dem Feuer übergeben, um Raum für einen Neuanfang zu schaffen.



Das brennende Schicksal von unserem „año viejo“
Geld oder Tanz
Zu einem Abschied gehört natürlich auch Trauer. Diese Rolle übernehmen hier die sogenannten Witwen, die um das vergangene Jahr trauern. Wobei „trauern“ eigentlich das falsche Wort ist: Bei den Witwen handelt es sich ausschließlich um junge Männer, die sich als Damen in meist sehr knappen und auffälligen Outfits verkleiden – also nicht unbedingt das, was man sich unter einer klassischen trauernden Witwe vorstellt. Auf Quartierstraßen halten sie Autos an, tanzen, flirten und präsentieren ihre sexy Posen.



Für Autofahrer gelten dabei zwei einfache Regeln. Erstens: den Witwen etwas Kleingeld schenken – und dabei die Fensterscheibe nur einen kleinen Spalt öffnen. Zweitens: Türen geschlossen halten. Wer sich nicht daran hält, findet sich schneller als gedacht auf der Straße wieder, mitten in einem Tänzchen mit den Witwen. Oder sie steigen gleich ins Auto ein oder klettern sogar aufs Autodach – und dann wird eben dort getanzt. Ob man will oder nicht. Natürlich geht es dabei ausschließlich um Spaß und Lebensfreude. Das Einzige, was dabei mitunter nerven kann, ist der Verkehr: Man kommt schlicht nicht vorwärts. Denn die Witwen schauen nicht auf die Uhr – sie sind zu sehr mit ihrer ganz eigenen Art von „Trauerarbeit“ beschäftigt.


Eine Alternative zu den ausverkauften Trauben
Unser Silvesterabend verlief dieses Jahr etwas anders als geplant, da es in der Familie Krankheitsfälle gab. Gegen 19 Uhr unternahmen wir mit dem Auto eine Art „Witwen-Sightseeing-Tour“, die bis fast 22 Uhr dauerte – für eine Strecke, die sonst etwa 30 Minuten in Anspruch nimmt. Danach gab es Abendessen, und anschließend ließen wir beim Verbrennen einer Pappe-Figur alles Negative aus dem Jahr 2025 hinter uns. Viel Negatives gab es für uns glücklicherweise nicht.
Um Mitternacht, zum Jahreswechsel, aßen wir zwölf Kirschen und wünschten uns mit jeder einen Wunsch für das neue Jahr. (Eigentlich sieht die Tradition vor, dass man zwölf Trauben isst. Aber man muss es ja nicht immer ganz so genau nehmen.) Auf eine weitere Tradition – mit einem Koffer einmal um den Block zu laufen, um im neuen Jahr viel zu reisen – verzichteten wir. Wir werden ohnehin viel unterwegs sein. Natürlich gab es um Mitternacht auch ein großes Feuerwerk. So wurde das neue Jahr in Ecuador feierlich begrüßt – und nicht „eingeböllert“.
Wir wünschen euch allen ein glückliches neues Jahr, beste Gesundheit und viele schöne Reisen – ganz egal, ob ihr dafür an Silvester mit einem Koffer um den Block gelaufen seid oder nicht.

Familie Meier, Ausgabe 1. Januar 2026
Silvan Meier, 1. Januar 2026
