Neben Hunden und Katzen gehören Meerschweinchen in der westlichen Welt zu den beliebtesten Haustieren. In den Bergregionen Ecuadors ist das nicht anders – zumindest bei Hunden und Katzen. Meerschweinchen findet man in ländlichen Gemeinden zwar ebenfalls in vielen Häusern, doch werden sie dort zu einem anderen Zweck gehalten: nämlich zum Essen.
Das klingt für uns erst einmal schockierend. Viele von uns sind mit Meerschweinchen als Kuscheltiere aufgewachsen und könnten sich nie vorstellen, diese Nager zu essen. Aber warum eigentlich nicht?

Zu Besuch bei Francisco

Francisco ist Cañari. Die Cañari sind ein indigenes Volk, das in den Bergen etwa zwei Stunden von Cuenca entfernt lebt. Wie alle Cañari ist auch Francisco sehr stolz auf sein Land, sein Volk und seine Kultur. Für ihn – wie für viele indigene Völker weltweit – ist „Pacha Mama“, also Mutter Erde, heilig.
Stolz zeigt er uns sein Haus. Im Garten stehen mehrere Holzkäfige, aus denen es unüberhörbar tönt: „guy, guy, guy!“ Kein Zweifel – darin leben Meerschweinchen. Auf Spanisch heissen sie „Cuy“ oder „Guy“, genau wegen dieser Laute. Auf meine Frage, warum er so viele davon hält, antwortet Francisco schlicht: „Zum Essen.“

Auf dem Markt und im Restaurant

Fast auf jedem Markt in der Sierra Ecuadors findet man Meerschweinchen – entweder lebendig oder gekocht, gegrillt oder in Suppe. In Restaurants mit typischer ecuadorianischer Küche gehören „Cuy“ selbstverständlich zur Speisekarte.
Nicht nur in Strassenküchen, sondern auch in Gourmetrestaurants werden sie serviert. Das gehört hier zur Kultur.
Ich habe Meerschweinchen schon mehrfach probiert. Überzeugt hat es mich allerdings nie. Für mich schmeckt das Fleisch wie gegrilltes Huhn – nur zäher und mit weniger Fleisch.
Francisco sieht das natürlich anders: „Wir essen fast kein Schwein oder Rind. Das Fleisch, das wir am meisten essen, ist Cuy. Zu jedem Festessen gehören Meerschweinchen dazu. Es ist für uns eine Delikatesse.“

Cuy (oder Meerschweinchen): nicht günstig, aber sehr beliebt

Nachhaltiger als Schwein oder Rind

Vielleicht denkt sich der eine oder andere Leser jetzt: „Geht’s noch?“ Genau so habe ich früher auch gedacht. Doch bei genauerem Hinsehen merkt man schnell: Das Essen von Meerschweinchen ist alles andere als verwerflich.
Meerschweinchen sind pflegeleichte Tiere. Sie lassen sich gut in Käfigen halten, brauchen wenig Platz und vermehren sich schnell. Sie ernähren sich rein pflanzlich – von Gräsern, Kräutern oder Küchenabfällen.
Sie brauchen weder Antibiotika noch Wachstumshormone. Sie leben meist in Gruppen, mit genügend Platz, Sonnenlicht und Auslauf. Geschlachtet werden sie direkt im eigenen Garten – also Fleisch „ab Hof“. Keine Tiertransporte, keine Massentierhaltung.

Bio ohne Label

Das Fleisch stammt nicht aus dubiosen Zuchtbetrieben, sondern aus dem eigenen Hof. Man weiss, was drin ist und woher es kommt. Ein Bio-Label braucht es hier nicht – das Prinzip ist selbstverständlich.
Meerschweinchenfleisch gilt als besonders gesund: Es ist reich an Eiweiss, enthält wenig Fett und kaum Cholesterin. Zudem steckt es voller Omega-3-Fettsäuren und hochwertigem Protein. Und wenn man an die Massentierhaltung von Schweinen oder Hühnern denkt, braucht es keine Studie, um zu wissen, welches Fleisch wohl das bessere ist. 

Die Kinder von Francisco und anderen Cañari-Familien helfen beim Füttern und Misten. Sie wissen genau, woher ihr Fleisch kommt – nicht aus der Migros oder vom Aldi, sondern aus dem eigenen Garten.
Das schafft Respekt. Sie verschwenden nichts und sehen Tiere nicht als Produkte, sondern als Teil des Lebenskreislaufs.
Ist es also wirklich so verwerflich, Meerschweinchen zu essen? Und mal ehrlich: Würde man den Meerschweinchen die Ohren etwas länger ziehen und einen Schwanz anbringen, sähen sie aus wie Hasen. Und die essen wir ja auch.

Das schwarze Meerschweinchen

Francisco erzählt uns, dass in jedem Stall ein schwarzes Meerschweinchen leben muss. Dieses wird nicht gegessen – es hat eine wichtige Rolle in der traditionellen Medizin.
Bei schweren körperlichen Beschwerden fährt ein Schamane mit dem schwarzen Meerschweinchen mehrere Minuten über den Körper der kranken Person. Anschliessend wird das Tier getötet und geöffnet.
Anhand seiner Eingeweide erkennt der Schamane, wo das gesundheitliche Problem liegt. Für uns klingt das nach Aberglauben – für Francisco ist es gelebte Erfahrung:
„Ich glaube nicht nur daran“, sagt er, „ich habe es selbst erlebt. Das Meerschweinchen hat mich von einer schweren Krankheit geheilt.“ In seinen Augen liegt dabei kein Zweifel, sondern tiefe Überzeugung.

ein schwarzes Meerschweinchen gehört in jeden Stall

Ein neuer Blick auf ein altes Tier

Früher habe ich das Essen von Meerschweinchen belächelt. Nach dem Besuch bei Francisco sehe ich es mit ganz anderen Augen.
Trotzdem bleibe ich dabei: Wenn ich zwischen einem Cuy und einem saftigen Steak wählen kann, nehme ich weiterhin das Steak.
Aber falls ich dich überzeugt habe, dass es gar nicht so unsinnig ist, Meerschweinchen zu essen, habe ich eine kleine Bitte:
Bitte rühr die Meerschweinchen deiner Kinder nicht an – jedenfalls nicht mit der Absicht, sie zu essen.
Mach lieber eine Reise nach Ecuador. Hier gibt es genug davon. Deine Kinder werden es dir danken. Und die Meerschweinchen bestimmt auch.

Silvan Meier, 1. Dezember 2025


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