Für Auswanderer gibt es eine goldene Regel: Nicht vergleichen. Schon gar nicht das Land, in dem man wohnt, mit dem Land, aus dem man kommt. Vergleichen ist der Anfang vom Unglücklichsein. Das wissen wir spätestens seit Facebook und Instagram.
Deshalb möchte ich in diesem Artikel auch nicht vergleichen, sondern einfach ein paar Unterschiede zwischen der Schweiz, Thailand und Ecuador beschreiben. So, dass ich nicht unglücklich werde. Und so, dass du hoffentlich etwas Neues lernst (ich bin ja Lehrer).
Diese (kulturellen) Unterschiede können unterhaltsam, lustig oder manchmal auch ärgerlich sein. Dennoch sind es genau diese, die das Auswandern spannend machen. Hier eine kleine Auswahl:

Die Sache mit den Bussen

Das mit den Bussen hier in Cuenca habe ich noch immer nicht ganz verstanden: Warum müssen die Busse jeweils fünf Sekunden Vollgas geben, um dann gleich bei der nächsten Haltestelle wieder eine Vollbremsung einzulegen? Vollgas, Vollbremsung. Vollgas, Vollbremsung. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen!
Wenn man sich nach dem Einsteigen nicht sofort irgendwo festhält, fliegt man buchstäblich durch den ganzen Bus. Vorausgesetzt, man kann überhaupt einsteigen: Es kommt nämlich auch vor, dass der Bus bei einer Haltestelle gar nicht anhält und einfach weiterfährt. Warum, weiss ich auch nicht.
Immerhin fährt der Bus jeweils erst los, wenn alle Leute eingestiegen sind. (Früher war das mal anders – da musste man bei langsamer Fahrt ein- und aussteigen.) Jedoch bleibt die Türe auch bei voller Fahrt meist offen. Ein Grund mehr, warum es ratsam ist, sich sofort festzuhalten.

…und immer wieder das Wetter

Uns wurde die Stadt Cuenca als „Stadt des ewigen Frühlings“ angepriesen. Das tönt ja äusserst verlockend.
Jedoch bedeutet Frühling nicht nur angenehme Temperaturen und blühende Bäume. Frühling kann auch kalt, regnerisch und windig sein. Und genau so sieht unser Frühling hier seit Monaten aus.
Entsprechend habe ich Cuenca nun in die „Stadt des ewigen Novembers“ umbenannt. Mühsam wird es dann, wenn man mit Sonne aufwacht, im Regen in der Schule ankommt, im Sturm nach Hause fährt, wieder im Regen joggen geht – und man mit etwas Glück am Abend einen Sonnenuntergang erlebt, bei dem man die Sonne tatsächlich auch sieht. Hinter all den Wolken.

Umarmungen und Küsschen

In Ecuador wird umarmt: Ob man sich zum ersten oder zum hundertsten Mal sieht – es wird umarmt und es gibt Küsschen. Ob alt oder jung, ob mit Kindern oder Grosseltern: Das gehört genauso zu Ecuador wie die Vulkane oder Meerschweinchen essen.
Anfangs ist es etwas ungewohnt (z. B. beim ersten Elternkontakt am Elternabend). Aber dennoch ist es etwas sehr Schönes, da es buchstäblich Nähe und Vertrauen schafft und man so schnell eine Beziehung aufbaut.

Die fehlende Schokolade

Ecuador ist das Land des Kakaos. Aber leider nicht das Land der Schokolade.
Zwar gibt es verschiedene kleine und grosse Schokoladeproduzenten. Aber sie können der guten alten Schweizer Schokolade einfach nicht das Wasser reichen.

Normalerweise hatte ich in der Schweiz und in Thailand immer eine Schachtel „Minörli“ in meiner Schreibtischschublade. Für mich oder für meine Schülerinnen und Schüler, für gute Leistungen. Alle hatten grosse Freude daran – besonders ich.
Das geht hier leider nicht. Zum einen habe ich gar keinen Schreibtisch. Zum anderen erhalten wir hier keinen Besuch aus der Schweiz, der mir meine geliebten Minörli bringen könnte. Und sie mit der Post zu schicken geht auch nicht: Die normale Post kommt sowieso nicht an.
Und wenn eine Dokumentsendung (EIN A4-Blatt!) mit DHL schon 140 Franken kostet, will ich mir nicht vorstellen, wie viel eine Schachtel Minörli kosten würde.

auf dem Markt: die Schokolade sieht toll aus, und schmeckt bestimmt auch lecker. Aber eben: Es sind halt keine „Minörli“

Motorrad: alleine oder mit Familie

Das Hauptverkehrsmittel in Thailand ist das Motorrad. Dort fahren teilweise bis zu sechs Personen auf einem Motorrad – inklusive Hund oder Hühnern, versteht sich. Entsprechend ist es dort oft auch das Familienfahrzeug.

Hier in Ecuador darf man nur zu zweit auf einem Motorrad fahren, und nur, wenn man aus der gleichen Familie ist.
Dies hat seinen guten, aber leider unschönen Grund: Oft werden Entreissdiebstähle von Motorradfahrern begangen. Der vordere fährt, der Beifahrer entreisst Passanten die Tasche. Oder noch schlimmer: Der Beifahrer hat ein Gewehr und begeht einen Auftragsmord. Das kommt leider auch in Cuenca vor.
Aus diesem Grund sieht man meist nur eine Person auf dem „Töff“.

Juan und Maria

Es ist ja sowieso schon schwer, sich in einem fremden Land Namen zu merken. Hier in Ecuador ist es, zumindest für mich, noch viel schwieriger. Dazu kommt, dass die meisten Leute zwei Vornamen haben. Welcher ist nun der wichtigere? Oder müssen beide genannt werden?
Dann gibt es zu jedem Namen noch Abkürzungen, die mir nicht vertraut sind. (Dass José auch „Pepe“ genannt wird, kann ich gerade noch nachvollziehen. Aber wie um alles in der Welt kommt man darauf, Francisco „Paco“ zu nennen?)

Aber ich habe einen guten Trick gefunden: Wenn ich einen Namen nicht weiss, sage ich bei Knaben oder Männern einfach „Juan“. Die Chance ist gross, dass einer der beiden Vornamen Juan ist. Irgendwo hat fast jeder ein „Juan“ im Namen.
Bei Mädchen oder Frauen gilt das Gleiche mit „Maria“, bei älteren Damen besser noch „Rosa“. 50 % Trefferquote sind so garantiert.

Alte Leute

Sonntag ist in Ecuador Familientag. Da geht man oft mit den Eltern oder Grosseltern ins Restaurant essen oder auf Ausflüge.
In Ecuador ist es selbstverständlich, dass mehrere Generationen einer Familie im gleichen Haushalt wohnen. Ich persönlich finde das sehr schön. Es ist sicher besser, als die Eltern oder Grosseltern einfach ins Altersheim abzuschieben, damit man Zeit für sein eigenes Leben hat.

Vor allem haben die Grosseltern so einen tiefen Bezug zu ihren Enkelkindern. Sie erziehen mit, was ich besonders wertvoll finde. Auch das Verhältnis zu Tanten, Onkeln oder Cousins ist viel tiefer. Natürlich geht es nicht in allen Familien immer harmonisch zu und her. Trotzdem ist es schön, wie ältere Menschen viel Respekt geniessen und die Familie eine grosse Priorität hat.

Bei Musik wird getanzt

Die Ecuadorianer lieben Musik. Sie läuft überall – und nicht gerade leise.
Busfahrten erinnern teilweise mehr an fahrende Discos.

Und die Ecuadorianer haben den Rhythmus im Blut. Kaum ertönt Musik, beginnen sie sich automatisch zu bewegen. Das ist schon bei kleinen Kindern zu beobachten.
Ob im Fussballstadion oder im Coiffeursalon: Tanzen gehört einfach dazu. (Bei allem Verständnis: Mir wäre es jedoch lieber, wenn sich der Frisör aufs Haarschneiden statt aufs Tanzen konzentrieren würde. Ich bin diesbezüglich ja ein gebranntes Kind.)

Auch in Ecuador gibt es „Büenzli“

Nein, nicht nur in der Schweiz gibt es engstirnige Büenzlis. Die gibt es überall – auch in Ecuador.
Als wir im Gang vor unserer Wohnungstür zwei Pflanzen hingestellt haben, kam umgehend die Reklamation der Verwaltung.
Und als unsere Kinder unsere Eingangstüre mit farbigen Post-it-Zetteln und lustigen Botschaften tapeziert haben, kam ebenfalls sofort die Reaktion mit der klaren Botschaft, diese sofort zu entfernen.

Zugegeben, es hat nicht gerade schön ausgesehen. Und ja, der eine oder andere Zettel war versehentlich auch an fremden Wohnungstüren zu finden.
Aber ganz ehrlich: Man hätte es ja wenigstens als kulturelles Experiment durchgehen lassen dürfen.
Vielleicht fehlt den Ecuadorianern einfach der Sinn für moderne Kunst.

Silvan Meier, 21. November 25


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