Dienstagabend, 21. Oktober, kurz nach sieben:
 Plötzlich vibriert der Boden unter uns. Verdutzt schaue ich zu Vero. „Spürst du das auch?“
 Aus dem Wohnzimmer ruft Jimmy: „Erdbeben, Erdbeben!“ Mein erster Gedanke: Nicht schon wieder! Das Beben vom März 2025 in Thailand steckt mir noch in den Knochen. „Raus, alle sofort raus!“, ruft Vero. Sie reagiert blitzschnell – kein Wunder, sie ist im Erdbebengebiet aufgewachsen und weiss genau, was zu tun ist. Wir schnappen die Schuhe, und schon stehen wir auf dem Flur.
Die Vorstellung, im sechsten Stock eines Gebäudes zu wohnen, wenn die Erde bebt, ist ja nicht gerade beruhigend.


Leben auf der Bruchlinie
In Ecuador gibt es immer wieder Erdbeben. Das liegt daran, dass tief unter der Erde grosse tektonische Platten liegen, die sich ganz langsam bewegen – wie riesige Puzzleteile.
Genau unter Ecuador treffen zwei dieser Platten aufeinander und drücken stark gegeneinander. Wenn sich der Druck entlädt, beginnt die Erde zu wackeln. 
Zusätzlich gibt es im Land viele Risse im Boden – sogenannte Bruchlinien –, an denen sich die Erde besonders leicht bewegt.
Man lernt, mit dieser Gefahr zu leben. Genauso, wie wir in Thailand gelernt haben, mit Kobras im Garten umzugehen.
 Jedes Land hat seine kleinen oder grösseren Gefahren, die für Aussenstehende bedrohlich klingen, mit denen man aber umzugehen lernt. 
Ich erinnere mich, als vor vielen Jahren der erste Bär in die Schweiz zurückkehrte und in den Medien eine grosse Aufregung herrschte, weil er angeblich eine Gefahr für die Menschen darstelle. 
In einem Interview sagte damals ein Kanadier: „Macht doch keine Probleme wegen einem Bären – wir haben jeden Tag Bären im Garten. Man lernt damit umzugehen.“
Oder als wir vor ein paar Jahren in Westaustralien waren:
 Ich sprach mit einer jungen Frau, die gerade mit ihrem Freund von einem Angelausflug im Boot zurückkehrte. „How was it?“, fragte ich sie.
Heiss sei es gewesen, erzählte sie, deshalb sei sie kurz ins Wasser gesprungen. Doch dann sei plötzlich dieser Hai aufgetaucht.
 „But yeah, just a sharky – so I swam back to the boat.“
 Diese junge Dame hat definitiv gelernt, mit Gefahr umzugehen.

Ruhig bleiben!
Die Menschen in Ecuador lernen schon als Kinder, wie man sich bei Erdbeben verhalten soll.
 Als bei uns in der Schule einmal die Sirenen dröhnten – was sich später als Fehlalarm herausstellte – beobachtete ich, wie die kleinen Kinder ganz ruhig ins Freie liefen, mit den Händen über dem Kopf, um ihn zu schützen.
 Auch in unserem Gebäude blieben die Leute ganz ruhig. Ein älteres Ehepaar auf derselben Etage meinte nur: „Bleibt ruhig, es ist schon vorbei.“
Da das Zittern wirklich schnell aufgehört hatte, blieben wir schliesslich oben. Es war in der Tat nur ein kleines Beben – Stärke 5.1.
 Einen schönen Nebeneffekt hatte das Ganze trotzdem: Wir haben endlich unsere Nachbarn kennengelernt, weil sich die meisten auf dem Flur versammelt hatten.
In unserer WhatsApp-Gruppe der neuen Lehrpersonen in Cuenca wurde das Beben sofort thematisiert:
 „Hey, habt ihr gerade das leichte Erdbeben gespürt?“, schrieb jemand.
„Ich lag auf dem Sofa – hab nichts gemerkt“, eine andere.
Oder: „Ich dachte, mein Mann hat die alte Waschmaschine angestellt.“
 Dass das Erdbeben wirklich nicht so dramatisch war, zeigte diese Nachricht:
 „Im Vergleich zu Japan war das nur ein Kitzeln.“
Der Kollege hatte mehrere Jahre in Japan gelebt und weiss also genau, wie sich Erdbeben wirklich anfühlen – wenn die Erde nicht nur ein paar Sekunden, sondern minutenlang bebt und alles schwankt.
 Ein Chilene (in Chile gibt es besonders viele Erdbeben) erzählte mir einmal, wie er im 16. Stock eines Hochhauses war, als alles zu wackeln begann und das Gebäude hin- und herschwankte.
So etwas möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen.

Die Gefahr ist da, aber…
Cuenca gilt glücklicherweise nicht als starkes Erdbebengebiet – im Gegensatz zu den Küstenregionen.
 Eines der schlimmsten Erdbeben Ecuadors hat sich dort im Jahr 2016 ereignet, mit einer Stärke von 7.8 und fast 700 Todesopfern. 
In einem Land mit so vielen Vulkanen und tektonischer Aktivität kann es grundsätzlich überall und jederzeit zu Erschütterungen kommen.
Uns wurde versichert, dass das Mehrfamilienhaus, in dem wir wohnen, als erdbebensicher gilt. Das ist schon mal beruhigend.
Aber vorbereitet sein müssen wir trotzdem – denn früher oder später wird es wieder eines geben.
Garantiert.
Dennoch: Die Wahrscheinlichkeit, im Strassenverkehr einen Unfall zu haben, ist wohl um ein Vielfaches höher, als sich bei einem Erdbeben ernsthaft zu verletzen.
Also leben wir weiter – mit Respekt vor der Natur, aber noch mehr Respekt vor den Autofahrern, die lieber auf ihr Handy schauen als auf die Strasse. Und vor den Busfahrern, die offenbar immer noch ein bisschen frustriert sind, dass es mit der Karriere in der Formel 1 nicht geklappt hat.

Silvan Meier, 7. November 2025


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