Meine ersten Wochen als Primarlehrer in Ecuador

Nach 20 Jahren Unterrichten auf der Sekundarstufe gehe ich hier in Ecuador „back to the roots“: Zum ersten Mal arbeite ich nun als Primarlehrer – in dem Beruf also, den ich damals als Quereinsteiger gewählt habe. Die Umstellung ist eine Herausforderung. Aber eine spannende und wunderschöne, die ich gerne annehme.
Denn es geht hier ziemlich anders zu und her, als ich es von der Oberstufe kenne: laut, chaotisch und wild – dafür aber auch herzlich, herzig, herzergreifend und immer wieder lustig. Komm mit mir mit in die Schulstube. Aber bitte leise: Die Kinder sind gerade am Arbeiten. Oder etwa doch nicht?

„Kinder, bitte hinsetzen!“
„Kinder, bitte hinsetzen, wir fangen an!“ – dieser Satz funktioniert in der Sekundarstufe fast immer. Also wende ich ihn auch in meiner neuen 3. Klasse an. Keine Reaktion. Nochmals, nochmals, nochmals – immer noch keine Reaktion. Erst nach lautem Klatschen und deutlichen Worten versammeln sich die Kinder vor der Tafel im Kreis. Und auch dann dauert es noch zehn Minuten, bis endlich Ruhe einkehrt.
Da schleichen sich erste Zweifel ein: War es richtig, die geliebte Sekundarstufe zu verlassen? Die erste Lektion verläuft höchst chaotisch. Doch gleich danach wird es herzlich: Eine Schülerin sagt mir offen: „Ich mag dich – du bist mir sympathisch.“ Ein anderer Schüler meint: „Professor, du hast einen coolen Pullover.“ Kurz darauf bietet mir ein Kind einen Teil seines Pausenbrots an, und ein Mädchen umarmt mich so fest, dass es mich gar nicht mehr loslassen will. Als Sekundarlehrer war ich das alles wirklich nicht gewohnt.

Herzlichkeit pur
Schnell merke ich: Diese Kinder bringen eine unglaubliche Herzlichkeit mit. Körperkontakt ist kein Tabu, sondern erwünscht. Das ist wohl der größte Unterschied zur Sekundarstufe – und auch zu Schulen in der Schweiz oder in Thailand.
Meine Vorgesetzte erklärt lachend: „Das ist hier einfach so – du kannst sie ja nicht abschütteln, wenn sie dich umarmen.“ Also wird ab jetzt täglich umarmt. Nicht nur mit den Kindern, auch mit den Kolleginnen. Morgens beim Begrüßen, mittags beim Verabschieden oder einfach zwischendurch – Umarmungen und Küsschen gehören dazu. Mit den männlichen Kollegen gibt es ebenfalls eine Umarmung oder wenigstens einen Handschlag samt freundlichem „Amigo, wie geht’s dir heute?“
Diese Wärme und Herzlichkeit sind typisch Ecuador – und sie entschädigen für die Kälte, die das Bergklima mit sich bringt. Heizungen gibt es keine, deshalb unterrichte ich oft in dicker Jacke, neben mir eine Flasche heißer Tee. Ob mir die ständige Klimaanlage in Bangkok sympathischer war? Vielleicht finde ich die Antwort, wenn ich hier meine erste richtige Erkältung hinter mir habe.

Kleine Dramen, große Fragen
Dass mich alle Kinder einfach „Silvan“ nennen, daran habe ich mich schnell gewöhnt. Etwas mehr Zeit brauchen die Alltagsdramen:
Ein Mädchen beschwert sich: „Silvan, die anderen sagen, ich habe gefurzt – dabei hat nur mein Schuh so getönt!“ Zwei Kinder streiten sich heftig darüber, ob ein Rucksack nun silbern-lila oder hellgrau-himmelblau sei. Ja, das sind die wahren Fragen des Lebens.
Und dann diese kindliche Kreativität: Die Aufgabe lautet, den Reiter auf dem Pferd rot auszumalen. Ein Mädchen färbt kurzerhand das ganze Pferd rot. Auf meine Nachfrage antwortet sie selbstbewusst: „Das ist halt ein Ferrari-Pferd – und Ferraris sind nun mal rot!“

Lachen, Singen, Staunen
Inzwischen ist es im Klassenzimmer zwar ruhiger geworden, aber noch lange nicht leise. Immer wieder wird gefurzt (oder eben nicht) und über dunkelgraue oder hellschwarze Rucksäcke gestritten.
Und obwohl Deutsch für die meisten Kinder eine Fremdsprache ist, singen sie voller Begeisterung bei „Mein Hut, der hat drei Ecken“ mit. Mit meiner alten Rocker-Seele hätte ich nie gedacht, wie viel Freude es macht, „Der Kuckuck und der Esel“ anzustimmen – und dabei das Leuchten in den Augen der Kinder zu sehen. Oder wie stolz ein Schüler im Sportunterricht sein Rückwärts-Seilspringen vorführt. Es sind die kleinen Erfolge, die grosse Gefühle auslösen. Bei mir. Und bei den Kindern.

Dankbarkeit
Kurz gesagt: Ich bin zwar erst seit drei Wochen Primarlehrer. Aber ich bin es mit Freude und Leidenschaft – und ich bereue den Wechsel nicht. Es gibt nichts, das einem so viel zurückgibt wie die Arbeit mit Kindern, egal wie alt sie sind.
Ich sehe es als großes Privileg – und bin einfach dankbar dafür. Auch wenn im Klassenzimmer manchmal laut gefurzt wird. Oder eben nicht.

Silvan Meier, 18. September 2025

die deutsche Schule Stiehle Cuenca, hoch in den Hügeln über der Stadt


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