Der zweite Aufbruch ins Unbekannte
Die einen träumen ihr Leben lang davon – ohne es je zu tun. Andere wagen es einmal. Für uns ist es bereits das zweite Mal, dass wir auswandern und in einer neuen Heimat ein neues Kapitel beginnen. Vor 5 Jahren sind wir mit unseren beiden Söhnen, damals noch 2 und 4 Jahre alt, nach Thailand ausgewandert. Damit haben wir uns einen langjährigen Traum erfüllt. Obwohl es uns in Thailand an nichts fehlte – ich hatte einen super Job und tolle Kollegen an der Schweizer Schule in Bangkok, und wir waren als Familie bestens in der Thai Community integriert, war da dieses Feuer, das unaufhörlich in uns brannte: Fernweh – oder Reisefieber!
Die Welt ist gross, und es gibt noch mehr zu entdecken. Wenn nicht jetzt, dann nie mehr. Deshalb packten wir unsere acht Koffer, verfrachteten unsere beiden Katzen und verliessen schweren Herzens Südostasien, um in Südamerika, genauer gesagt in Ecuador, einen Neuanfang zu wagen.
Warum ausgerechnet Ecuador?
Ecuador? Ist das nicht das Land, das in den letzten Jahren ständig negativ in den Schlagzeilen steht? Einbrüche, Überfälle, Drogenbanden, Korruption, politische Unruhen etc.? Richtig! Und es ist kein Zufall, dass wir genau in dieses Land auswandern: Zum einen ist es das Herkunftsland meiner Frau (sie ist vor 23 Jahren in die Schweiz ausgewandert), und zum anderen gibt es hier eine kleine wunderschöne Stadt, mitten in den Anden auf 2500 Metern über Meer, die als „sichere Insel“ in diesem ansonsten chaotischen Land gilt: Cuenca.
Cuenca wird auch das „Athen Ecuadors“ genannt – die kulturelle Hauptstadt des Landes. Berühmt ist sie für ihre koloniale Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe), ihre bunten Märkte, ihre Künstler – und natürlich die imposante Kathedrale mit den blauen Kuppeln. Schon vor 23 Jahren sagten wir uns: Wenn wir je nach Ecuador auswandern, dann nur nach Cuenca.
Jetzt ist es soweit. Es ist nie zu spät, um Träume zu verwirklichen. Und es ist uns wichtig, dass unsere beiden Söhne das Herkunftsland ihrer Mama sowie ihre Verwandtschaft kennenlernen, und dabei gleich auch ihr Spanisch verbessern.
Zwischen tropischer Hitze und Andenkühle
Obwohl meine Frau hier aufgewachsen ist, und ich das Land von früheren Reisen kenne, ist es ein absoluter Neuanfang. Vieles hat sich in den letzten Jahren verändert. Ecuador ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Entwicklungsland. Und es gibt Armut. Und Kriminalität. Obwohl Ecuador mit einem Durchschnittseinkommen von etwa 470 USD pro Monat zu den reichsten Ländern Südamerikas gehört. In Thailand liessen wir bedenkenlos die Haustür offen oder den Schlüssel im Motorrad stecken – hier wäre das undenkbar. In Bangkok fühlten wir uns selbst nachts sicher auf der Strasse. In Ecuador hingegen gilt es, gewisse Stadtteile auch am Tag zu meiden.
Aber auch im Alltag sind die Unterschiede spürbar. Nach fünf Jahren Flip-Flops und tropischer Hitze sind Jeans und Jacke wieder Alltag. Während wir in Bangkok manchmal drei Mal täglich duschten, überlegt man sich hier in Ecuador gut, ob man sich die kalte Dusche wirklich antun will.
Papierkrieg und Kantönligeist
Auch für unsere Kinder gibt es viel alltägliches zu lernen: Zum Beispiel Schuhe binden oder mit Messer und Gabel essen. Beides war in Thailand nie ein Thema, da wir stets mit Flip Flops unterwegs waren und zum Essen Gabel und Löffel oder Stäbchen benutzt haben.
Überhaupt ist es eine Herausforderung, mit Kindern auszuwandern. Zum Glück sind sich unsere Jungs daran gewöhnt, dass wir viel Reisen und immer wieder in fremden Betten schlafen. Ob im Camper in Australien, auf dem Boden in Japan oder zu Gast bei anderen Familien: Sie machen alles mit. Trotzdem waren die letzten Wochen gerade für sie besonders anstrengend.
Der Abschied von Thailand war emotional. Dann folgte die Übergangszeit in der Schweiz, wo es darum ging, unseren zweiten Umzug vorzubereiten. Auswanderung klingt romantisch – ist aber oft Verwaltungswahnsinn. Bank. Versicherungen. Ausreisepapiere. Impfungen. Formulare.
Und unsere Katzen: Die waren ein Kapitel für sich. Wir hätten es uns leicht machen können – aber Tiere gibt man nicht einfach auf. Dass jeder Schweizer Kanton eigene Regeln für den Export von Haustieren hat, war für uns neu. Der „Kantönligeist“ hat sich uns von seiner übelsten Seite präsentiert.
Wer auswandert, verzichtet auf vieles – gewinnt aber auch Unschätzbares. Neue Freunde findet man überall. Das haben wir gelernt. Aber sich von Familie und Freunden zu verabschieden – das tut jedes Mal weh. Man weiss nie, wann – oder ob – man sich wieder sieht.
Aber eben, jetzt sind wir da. Mit Katzen. Wir sind der Stimme unseres Herzens gefolgt, in der vollen Überzeugung, das Richtige zu tun. Für wie lange wissen wir noch nicht, das wird sich zeigen. Wir freuen uns auf den neuen Lebensabschnitt und sind stolz auf uns selber, dass wir diesen mutigen Schritt gewagt haben.

Silvan Meier, 1. August 2025
