Von Schmutzbergen und echten Bergen
Man stellt sich den Start in eine neues Leben gerne romantisch vor. Leider klaffen Vorstellung und Realität manchmal ziemlich weit auseinander. So war es jedenfalls bei uns. Es war schon dunkel und die Stadt schlief, als wir mit fünf Stunden Verspätung endlich in unserer neuen Wohnung in Cuenca ankamen. Die Kinder waren müde vom langen Tag, also legten wir uns alle sofort schlafen. Euphorie am nächsten Morgen, als wir die Vorhänge öffneten: Aus jedem Fenster bot sich ein Blick auf die Berge! Berge – wie hatten wir sie in Bangkok vermisst. Doch die Ernüchterung folgte schnell. Im Tageslicht zeigte sich die Wohnung in einem erbärmlichen Zustand: Überall Schmutz, Dreck und Unrat. Es erinnerte an „das alte Haus von Rocky Docky“ aus dem bekannten Kinderlied – knarrende Türen, wackelige Stühle, Schmutz-und Fettschichten in der Küche… Dass eine Wohnungsübergabe in Ecuador anders läuft als in der Schweiz, war uns klar. Aber auf so ein Chaos waren wir nicht gefasst. In Schränken und Schubladen fanden sich verschimmeltes Essen, stinkige Socken und allerlei Müll. In den Toiletten lagen neben Haar- Zahn- und WC-Bürsten noch andere Gegenstände, die man nicht unbedingt sehen will. Die Wohnung war zwar ein Rohdiamant – aber einer, der erst geschliffen werden musste. Zwei Tage lang gingen wir nicht vor die Tür und putzten ununterbrochen

Die Abfall-Frage
Wie in jedem neuen Land tauchten sofort praktische Fragen auf: Wohin mit dem Abfall? Was wird recycelt? Ist es wie in Japan mit sieben verschiedenen Behältern für Papier, Plastik, Alu & Co., sodass man am Ende gar nicht mehr weiss, wo was hingehört? Oder wie in Thailand, wo alles in denselben Müllbeutel kommt – nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“? Das Putzen, Aufräumen und Einrichten wurde auch zu einem kleinen Beziehungstest: In kürzester Zeit mussten hunderte Entscheidungen getroffen werden. Das war anstrengend und konfliktträchtig – aber auch belebend. Schließlich liegt in jedem Neuanfang bekanntlich auch ein Zauber.
Märkte, Menschen und Kuhschnauzen
Am dritten Tag schafften wir es endlich, die Stadt zu erkunden. Unser erster Stopp: der Markt. In Ecuador sind Märkte das Herz des Alltagslebens. Hier wird gehandelt, gefeilscht und gelacht. Indigene Frauen in Filzhüten und bunten Ponchos verkaufen ihre Waren. Es gibt Früchte und Gemüse in allen Farben und Formen.
Die Fleischabteilung ist dagegen nichts für schwache Nerven: Kuhschnauzen, Hühnerfüße, Schweinedärme – man könnte die Tiere fast wieder zusammensetzen. Es wird buchstäblich alles verwendet und nichts verschwendet. Das ist grundsätzlich äusserst löblich, aber früh am Morgen nicht unbedingt appetitlich anzusehen.
Cuenca, unsere neue Heimat, ist ein Juwel: farbenfrohe Kolonialbauten, schmale Gassen, versteckte romantische Innenhöfe, grüne Pärke und als Höhepunkt die große Kathedrale, das Wahrzeichen der Stadt. Auf den belebten Plazas trifft sich jeder – Straßenhändler, Touristen, Rentner. Man kommt schnell ins Gespräch. Jeder scheint Zeit zu haben, kein Hauch von Stress. Gesprächsthemen gibt es viele: Auf welchem Markt gibt es das beste Gemüse, das verlorene Fussballspiel von gestern – und natürlich das Wetter, das in Cuenca oft alle Jahreszeiten an einem Tag bietet. Nur Schnee fällt keiner.

Der Hunderter, den keiner will
Unsere beiden Söhne wollten so schnell wie möglich ihre Zimmer einrichten – mit Pflanzen, Bildern und Deko. Doch wir hatten keine Ahnung, wo man überhaupt fündig wird, geschweige denn zu vernünftigen Preisen. Zu unserer Überraschung ist Ecuador, abgesehen vom Essen, verhältnismäßig teuer – vor allem Elektrogeräte. Das Geld schmolz dahin, und wir brauchten dringend Lebensmittel.
Also füllten wir in einem großen Supermarkt den Einkaufswagen mit allem, was unser Magen begehrte. Doch an der Kasse kam das böse Erwachen: Mein letztes Bargeld war ein 100-Dollar-Schein. Als ich ihn dem Kassierer reichte, lächelte er nur verständnislos und sagte: „No se puede“ – das geht nicht!
In Ecuador sind Falschgeldscheine ein alltägliches Problem. Deshalb verweigern viele Geschäfte die Annahme von 50- und 100-Dollar-Noten – und selbst in den meisten Banken lassen sie sich nicht eintauschen. Uns blieb nichts anderes übrig, als den randvollen Wagen frustriert an der Kasse stehen zu lassen und ohne Essen nach Hause zu gehen.
Zum Glück fanden wir im Rucksack noch ein paar Früchte vom Markt. Sonst wäre das Abendessen ausgefallen. Und als wäre es ein göttliches Zeichen, entdeckten wir im Koffer sogar noch eine Tafel Schweizer Schokolade. In Momenten wie diesen wird einem klar: Ein Stück Heimat ist manchmal mehr wert als ein 100-Dollar-Schein.
Silvan Meier, 13. August 2025
