Die meisten Länder Südamerikas sind politisch … sagen wir mal vorsichtig: interessant.
Amtierende Präsidenten werden gestürzt, neue gewählt, dann erstmals lautstark gefeiert – und oft noch vor Ende ihrer Amtszeit wieder gestürzt und verjagt, weil die Bevölkerung unzufrieden ist. Spätestens nach der Präsidentschaft landen sie im Knast oder im Exil. Und das Spiel beginnt von vorne.
Europa wirkt dagegen fast langweilig stabil. Vor allem in der Schweiz lösen die Entscheidungen des Bundesrates selten so heftige Reaktionen aus wie hier. Streiks, Demonstrationen und teilweise sogar gewaltsame Auseinandersetzungen gehören in Südamerika fast schon zum Alltag.
Unvorstellbar wäre etwa, dass der Bundesrat plötzlich verkündet:
„Nächste Woche ist am Donnerstag Feiertag – Schulen und öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen!“
Die Schweizer würden sich zwar freuen, aber auch fragen: „Was ist denn hier los?“
Genau das haben wir uns gefragt, als wir letzte Woche die Ankündigung des ecuadorianischen Präsidenten gelesen haben. In diesem Artikel erkläre ich, was Ecuador im Moment bewegt – und warum es hier manchmal zu so spontanen Entscheidungen kommt.

Viel Macht – und noch mehr Misstrauen
Es ist nicht einfach, in Südamerika Präsident zu sein. Egal was man tut – irgendwer ist immer unzufrieden.
Schnell gilt ein Präsident als Sündenbock, Dieb oder Idiot. Das liegt auch daran, dass Präsidenten hier oft sehr viel Macht haben und Entscheidungen alleine und kurzfristig treffen können. Gute und schlechte. So wie eben diesen spontanen Feiertag.
In Cuenca sorgt derzeit vor allem das geplante Goldminenprojekt „Loma Larga“ für Protest. Die Mine soll im Gebiet des nahegelegenen Cajas-Nationalparks entstehen – genau dort, wo Cuenca sein Trinkwasser bezieht.
Cuenca ist stolz auf seine hervorragende Wasserqualität – ja, man kann das Wasser hier tatsächlich wie in der Schweiz direkt aus dem Hahn trinken. Die Menschen fürchten nun, dass das Minenprojekt die Natur, das Wasser und letztlich das Leben in der Region zerstören könnte.
Schon meine Kinder verstehen das Problem:
„Ohne Gold können wir leben – ohne Wasser nicht.“
Der Protest war so groß, dass das Projekt vom Präsidenten vorläufig unterbrochen, aber nicht gestoppt wurde. Das sorgt natürlich weiter für Unsicherheit in der Bevölkerung. Und vor allem Wut. Mit einem klaren „Stop zum Gold-Projekt“ hätte der Präsident die Leute, und damit das Vertrauen, wieder auf seiner Seite gehabt.

Streiks gehören hier zum Alltag
Streiks und Proteste gehören in Südamerika fast schon zum kulturellen Erbe.
Auf einer früheren Backpacker-Reise in Bolivien, irgendwo am Titicacasee, wurde unser Bus einmal durch Feuer- und Steinblockaden gestoppt. Alle Passagiere mussten aussteigen und mit ihrem Gepäck kilometerweit zu Fuß in die nächste Provinz marschieren. Dort warteten neue Busse.
Als Reisende nimmt man das hin, schimpft vielleicht kurz und reist dann weiter: in die nächste Stadt oder ins nächste Land.
Für die Menschen hier aber bedeutet ein Streik massive Einschnitte im Alltag – und genau das erleben wir nun auch in Ecuador.

Wenn Diesel den Zündstoff liefert
In den letzten Tagen kursieren vermehrt Gerüchte über landesweite Streiks und Straßenblockaden.
Wir Lehrpersonen bereiten uns vorsorglich auf Distance Teaching vor.
Es wird empfohlen, Vorräte für mehrere Wochen anzulegen – Supermärkte könnten bald schließen. Auch von größeren Reisen wird derzeit abgeraten.
Der Grund: Präsident Daniel Noboa hat beschlossen, die Subventionen für Diesel zu streichen. Der Preis ist daraufhin von rund 1,80 auf 2,80 US-Dollar pro Gallone gestiegen. Klingt vielleicht nicht dramatisch, aber Diesel ist hier lebensnotwendig: Ohne ihn fährt kein Bus, kein Lastwagen, kein Traktor.
Am lautesten protestieren indigene Organisationen, Bauern und Studierende – sie trifft die Erhöhung am härtesten. Die Regierung argumentiert, die Subventionen seien zu teuer (über eine Milliarde Dollar pro Jahr) und das Geld solle künftig in soziale Projekte fließen. Klingt vernünftig – auf dem Papier.
Das Problem ist das fehlende Vertrauen in die Politik.
Viele Menschen glauben den Versprechen nicht mehr.
Und auch für uns ist die Situation ungewiss: Noch sind in Cuenca Schulen und Supermärkte offen, aber die Anspannung ist spürbar und allgegenwärtiges Thema.

Ein Feiertag als Beruhigungspille
Trotz allem bleiben wir optimistisch. Vielleicht auch, weil der Präsident gerade diesen Feiertag angekündigt hat – was ihn kurzfristig wieder etwas beliebter macht. Und weil es etwas Ruhe bringt.
Böse Zungen behaupten, er habe das nur getan, um Zeit zu gewinnen und Streiks zu verhindern.
Wie auch immer: Als Expats können wir diesmal nicht einfach unser Gepäck schultern und ins nächste Land weiterreisen.
Wir müssen da durch.
Denn eines ist sicher: Wenn nicht dieser Streik kommt, dann der nächste.
So sicher, wie am 24. Dezember Weihnachten gefeiert wird.
Außer natürlich – der Präsident streicht es spontan.

Silvan Meier, 7. Oktober 2025


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